https://www.faz.net/-gqz-9nbbk

Mythos Joy Division : Die Kraft zu machen, was man will

  • -Aktualisiert am

Wie muss man sich vor dem Umzug Ihr Leben in London vorstellen?

Ich lebte bei meinen Eltern, studierte Jura und fand es furchtbar. Ich nahm Amphetamine und ging in Punk-Clubs. Das hatte nicht wirklich eine Zukunft. Im April 1977 habe ich begonnen, für „Sounds“ zu schreiben. Ich wollte neue Bands und Künstler entdecken, Grenzen verschieben, zu einem Austausch beitragen. Ich habe das geliebt. Kurz bevor ich nach Manchester gezogen bin, wechselte ich zu „Melody Maker“. Eine aufregende Zeit, ich hatte das Privileg, Teil eines Dialogs zu sein.

Konnten Sie vom Schreiben leben?

Nein. Das ist sehr schwierig, es sei denn, man schreibt für die konservative Presse. Ich hatte bis 1984 neben dem Schreiben einen Brotjob.

Ihre Situation war also gar nicht so anders wie die der Musiker, die damals Bands wie Joy Division gründeten.

Da war kein Geld zu holen. Und genau darin lag eine gewisse Freiheit. Was auch immer man tat, man tat es, weil man es liebte. Es ist schwierig, das zu beschreiben. Im Rückblick fällt mir auf, wie überzeugt ich gewesen sein muss. Wenn es keinen finanziellen Rückhalt gibt, braucht man einen anderer Antrieb im Inneren, eine Kraft, einen Drang, den Glauben an das, was man machen will.

Warum haben Sie sich jetzt wieder zurück in diese Zeit begeben?

Ich habe vor rund zehn Jahren mit dem Regisseur Grant Gee an einem Dokumentarfilm über Joy Division gearbeitet. Zum einen gab es sehr viel Interviewmaterial, das im Film nicht verwendet wurde. Zum anderen wollte ich schon seit langem eine Oral History veröffentlichen. Jean Steins Biografie über Edie Sedgwick und die Bücher des früheren Rolling-Stones-Managers Andrew Loog Oldham haben mich da sehr inspiriert. Ich wollte nicht noch mal über Joy Division schreiben, so wie es alle anderen tun und wie auch ich es schon mehrmals getan habe. Ich dachte: Lass sie ihre Geschichte selbst erzählen!

Die Oral History ist, besonders bei der Aufarbeitung von Pop-Phänomenen, ein beliebtes Format. Was ist so faszinierend an Zitat-Montagen?

Sie sind sehr direkt. Sie kommen aus erster Hand, von den Leuten, die selbst beteiligt waren. Manche sind nicht besonders gut gemacht, aber das ist nicht schlimm. Für mich als Autor ist das Format reizvoll, da ich mit einer Reihe verschiedener Stimmen sprechen kann, nicht nur mit meiner eigenen.

Live und ausnahmsweise mal in Farbe: Ian Curtis (links) und Peter Hook von Joy Division im Londoner „Electric Ballroom“, 26. Oktober 1979
Live und ausnahmsweise mal in Farbe: Ian Curtis (links) und Peter Hook von Joy Division im Londoner „Electric Ballroom“, 26. Oktober 1979 : Bild: Getty

Wie wählen Sie eigentlich aus, über was Sie Texte und Bücher schreiben?

Ich trage die Ideen dafür lange mit mir herum. Wenn ich die Arbeit an einem Buch abschließe, gibt es also einige Optionen, und ich wähle eine davon für das nächste Projekt aus. Wobei die Idee im Grunde unwichtig ist. Egal, für welches Thema ich mich entscheide, ich lasse immer alles Erdenkliche einfließen. Es spielt sich ja alles auf demselben Feld ab: Es geht um Pop und Jugendkultur. Und in allem steckt mein Glaube an die Kunst und an die Freiheit.

Halten Sie sich über die neuesten Trends auf dem Laufenden?

Gar nicht. Ich habe natürlich ein Auge auf bestimmte Dinge, aber ich schreibe kaum über zeitgenössische Kultur, meine Arbeit ist eher die eines Historikers. Privat höre ich nur elektronische Musik, auf Rock habe ich keinen Bock. Letztens hatte ich tolle Gespräche mit einigen jungen Autorinnen über Grime. Ich finde diese Musik faszinierend, aber ich beschäftige mich nicht jeden Tag damit. Ich muss nicht mehr ständig unterwegs sein, um neue Sachen zu entdecken. Das sollen die Jüngeren tun.

In den britischen Single-Charts steht gerade „Vossi Bop“ vom Grime-Star Stormzy auf dem ersten Platz.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.