https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/der-nordfriese-zum-tod-von-knut-kiesewetter-14596650.html

Zum Tod von Knut Kiesewetter : Der Nordfriese

  • -Aktualisiert am

Multitalent Knut Kiesewetter gestorben (Archivbild aus dem Jahr 2011) Bild: dpa

Gospel, Protest-Folk, Rock und Beat und Jazz: Unter den drei großen Liedermachern der Gründerzeit war Knut Kiesewetter der musikalisch kompletteste. Jetzt ist er überraschend verstorben.

          1 Min.

          Neben dem beflissenen Reinhard Mey und dem grüblerischen Hannes Wader wirkte der zwei Jahre ältere Knut Kiesewetter immer wie das Selbstbewusstsein in Person, gestählt vielleicht auch vom Klima seiner Stettiner Heimat, die er aber noch vor Kriegsende Richtung Nordfriesland verlassen musste, wo er dann zeitlebens wohnen blieb. Früh griff er zur Posaune, bald auch zur Gitarre. Dank seiner nicht sonderlich modulationsfähigen, aber charakteristisch festen, perfekt intonierenden Stimme wurde er die ganzen sechziger Jahre hindurch als bester Sänger bei den deutschen Jazz Polls ausgezeichnet. Fast schizoid, brachte er seit 1964, anfangs mit seinen Geschwistern Sigrun und Hartmut, Platten mit nachgesungenen, wunderbar instrumentierten Standards heraus, auf denen er seine außergewöhnliche Bandbreite demonstrierte: von Spirituals und Gospels über Protest-Folk, Rock und Beat bis hin zum Jazz. Probeweise höre man seine wirklich kongeniale, mit McCartney-Timbre arbeitende Version von „Yesterday“, „Gestern noch“ von 1965; das Single-Cover zeigt ihn blutjung im schwarzen Anzug und mit Sonnenbrille wie einen Jazz-Hipster.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist erstaunlich, dass der Vollblutmusiker heute fast nur als Liedermacher in Erinnerung ist. Um 1970 konzentrierte er sich, nach zwei Witz-Platten, auf denen er ebenfalls gute Figur machte und die ihn als Vorläufer von Otto Waalkes erscheinen lassen, tatsächlich auf dieses Handwerk, wobei explizit Politisches überlagert wurde vom volkstümlich Anschlussfähigem, das er Mitte der Siebziger ganz aufs Norddeutsche zuschnitt. Das Plattdeutsche und, ein Unterschied, das Nordfriesische wurden seine dann nicht mehr verlassene Domäne. „Mien Gott he kann keen Plattdütsch mehr (un he versteiht uns nich)“ blieb sein Markenzeichen; und dass er sie eines Tages würde nicht mehr verstehen können, davor brauchten die Leute in der Norddeutschen Tiefebene bis hoch nach Dänemark keine Angst zu haben. Knut Kiesewetter wurde ihr bekanntester, wichtigster und anspruchsvollster Sänger.

          Vor der Zeit zog er sich zurück, nachdem sein Plattenausstoß schon Mitte der Achtziger nachgelassen hatte; er wollte nicht mehr auftreten, weil er merkte oder sich vielleicht nur einbildete, dass seine Technik nachließ. In seiner nordfriesischen Heimat ist der bemerkenswerte Knut Kiesewetter nun im Alter von 75 Jahren überraschend gestorben.

          Weitere Themen

          Wie die Kunst nach Triftern kam

          Skulpturenstadel : Wie die Kunst nach Triftern kam

          Der Bildhauer Bernd Stöcker macht in in der niederbayerischen Marktgemeinde Triftern aus einem ehemaligen Wirtshaus ein Kulturzentrum. Langsam, aber sicher.

          Hoher Bonus für Schlesinger

          Skandal im RBB : Hoher Bonus für Schlesinger

          „Boni“ gab und gibt es im RBB angeblich nicht. Aber es gibt „Zielprämien“. Die fielen für die gekündigte Intendantin Patricia Schlesinger und die RBB-Direktoren sehr üppig aus: 200.000 Euro mehr pro Jahr für die Senderspitze.

          Topmeldungen

          Kanzler Olaf Scholz am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Mahmud Abbas

          Holocaust-Äußerung von Abbas : Der Kanzler muss Flagge zeigen

          Deutschland hat gute Gründe für seine Sicht auf den Holocaust und dessen Einzigartigkeit. Diese Haltung gilt es zu verfechten. Doch Bundeskanzler Scholz steht wie ein begossener Pudel da anstatt Farbe zu bekennen.
          Viele unbesetzte Stellen am Frankfurter Flughafen: Reisende warten Ende Juli in einer langen Schlange in Abflughalle C von Terminal 1.

          Personalmangel und die Folgen : Der Sommer der Warteschlangen

          Fast überall fehlt Personal. Deshalb ruckelt es gerade allerorten. Wird es irgendwann wieder wie vor der Pandemie? Oder müssen wir uns dauerhaft auf weniger Reisen und Restaurantbesuche einstellen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.