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Madonna in München : Der König ist tot, es lebe die Königin

  • -Aktualisiert am

Münchner Provokation: Von Michael Jackson hat Madonna gelernt, dass es auf den richtigen Schritt ankommt Bild: Christina Pahnke

Der Zirkus um die Krone des Pop: Madonna gibt in München ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr und bürgert kurzerhand ihren unglücklichen Konkurrenten Michael Jackson in das strenge Korsett ihres Reiches ein.

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          Vergangenen Herbst trat Madonna dreimal in Deutschland auf. Berlin war damals das dritte Konzert ihrer „Sticky & Sweet Tour“ (Besuch der alterslosen Dame: Madonna singt, tanzt und lehrt in Berlin), die das Album „Hard Candy“ begleitete, es folgten Düsseldorf und Frankfurt. Am Dienstag trat sie ein knappes Jahr später im Münchner Olympiastadion auf - dazwischen lagen gut siebzig Konzerte, eine Scheidung, eine vieldiskutierte Adoption in Malawi (Madonna: Nun doch zweites Adoptivkind aus Malawi), ein weniger diskutiertes Spielfilmdebüt als Regisseurin („Filth and Wisdom“: Madonnas Regiedebüt auf der Berlinale) und der Tod ihres nur zwei Wochen jüngeren Konkurrenten um den Thron des Pop. Das klingt wie ein paar gute Gründe, den sechsundsiebzigsten und sechstletzten Auftritt dieser Tournee (und das einzige Deutschlandkonzert des Jahres) zu besuchen - aber nur der letzte rechtfertigt eigentlich einen zweiten Blick, denn der Gedanke, dass das Leben irgendwelche Spuren in dieser Choreographie hinterlassen könnte, ist natürlich völlig abwegig. Pop war bei Madonna schon immer Wille und Vorstellung.

          Immerhin gibt es gegenüber der vierundzwanzig Stücke umfassenden Setlist im Vergleich zum vergangenen Jahr drei Änderungen: „Heartbeat“ wurde durch „Holiday“ ersetzt, „Borderline“ durch „Dress You Up“ und „Hung Up“ durch „Frozen“, außerdem wurden zwei oder drei Videoeinspielungen verändert. Was hat das zu bedeuten? Hat es überhaupt etwas zu bedeuten? Es ist ja nicht so wie bei Bob Dylan, dessen sich fließend verändernde Setlist seiner endlosen Tour Gegenstand ausgiebiger Kaffeesatzleserei ist. Aber wo der Umstand, ob der Meister diesen oder jenen Song spielt, womöglich tatsächlich etwas über seine Befindlichkeit aussagt, da steckt Madonna derart im Korsett ihrer multimedialen Inszenierung, dass schon kleinste Abweichungen vom Plan generalstabsmäßige Umstrukturierungen erfordern würden.

          Die Stabliste eines mittleren Hollywoodfilms

          So gleicht die Stabliste ihrer „Sticky & Sweet“-Tour der eines mittleren Hollywoodfilms, in der selbstverständlich die Anwälte, der Umkleideraumdesigner, die makrobiotischen Köche und die Masseuse genauso gelistet sind wie die zwölf Designer, die für ihre dauernden Garderobenwechsel zuständig sind: drei Paar Schuhe von Miu Miu, Stiefel von Stella McCartney, Sonnenbrillen von Moschino, Bandbekleidung von Tom Ford, Dominatrix-Outfit von Riccardo Tisci für Givenchy - und den Rest hat Arianne Phillips besorgt, die schon elf Jahre dabei ist, was in Popjahren mindestens siebenundsiebzig sind.

          Das eiserne Regiment der Choreographie

          Da spielt man nicht mal dies und mal das, geht auf die eigene Stimmung oder die des Publikums ein, sondern folgt dem eisernen Regiment einer Choreographie, die ja nicht nur aus Tanzschritten und -partnern besteht, sondern aus dem Zusammenspiel mit den Videomonitoren, die in der Mitte der Bühne vorgefertigtes Material abspielen und an den Seiten die Sängerin jener Mehrheit der Zuschauer nahebringen, die sich nicht stundenlang für den Platz an der Sonne die Beine in den Bauch gestanden haben. Man darf sich nichts vormachen: Konzerte dieser Größe sind nichts anderes als Videogucken unter freiem Himmel - mit besseren Boxen. Und im Grunde muss man Madonna dankbar sein, dass sie auch nicht so tut, als sei es anders. Die Live-Regie ist perfektioniert, man kann gelegentlich den Blick vom Monitor auf die Bühne schweifen lassen, um sich der Gleichzeitigkeit zu versichern.

          Außer Lautstärke kaum Eindruck

          Der Ausdruck „live“ ist im Grunde ein Witz: Man kann jeden Moment dieser Tour auf YouTube besser sehen als im Stadion. Und wo anderswo die Leute ihre Feuerzeuge schwenken, um ihre Gerührtheit zu signalisieren, da leuchten hier durchgängig Hunderte von Handys oder Fotodisplays, die festhalten, was dann ins Netz gestellt wird, um den Eindruck zu vermitteln, es gebe hinter diesen Bildern eine Authentizität, die den Konzertbesuch lohne. Die Handyfotos sind quasi der einzige Ausweis, man sei „live“ dabei gewesen, wo das Erlebnis selbst außer Lautstärke kaum nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

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