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Der Hype um die Bowie-Ausstellung : Alles, nur kein Kleiderständer

Cover des David Bowie-Albums „Aladdin Sane“, 1973 Bild: Duffy Archive & The David Bowie Archive

In Berlin stehen die Besucher Schlange, um die Ausstellung über den Superstar und Verwandlungskünstler David Bowie im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Lohnt sich das denn?

          Jetzt also in Berlin, Menschenschlangen vor dem Martin-Gropius-Bau, Eintrittskarten im Vorverkauf, alles für David Bowie. Genauer für das, was angekündigt ist als „weltweit erste Retrospektive der Pop- und Stilikone“. Aha, Retrospektive? David Bowie lebt noch! Und es soll auch noch immer lebende Menschen geben, die ihn in Stadien und auf Bühnen gesehen haben. Sind wir alle schon tot, inklusive Bowie? Oder passiert da eine Mumifizierung zu Lebzeiten?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          David Bowie selbst war und ist und bleibt stets im Hintergrund - insbesondere seiner selbst. Niemand hat ihn, bisher jedenfalls, bei dieser musealen Megashow, die sich aus seinem eigenen Archiv speist, selbst auftreten gesehen, seit sie von London aus (F.A.Z. vom 22. März 2013) seit mehr als einem Jahr tourt - einem androgynen Fetisch zur Feier. Womit genau nicht gesagt ist, dass Bowie, geboren als David Robert Jones 1947 in London, ein Selbst fehlt - im Gegenteil.

          Einen Zipfel der Persönlichkeit erwischen

          Aber dieses Selbst hält sich eben bedeckt, am liebsten hinter der Maske „Ich ist ein Anderer“, mit der vor nun bald hundertfünfzig Jahren der französische Dichter Arthur Rimbaud eine Heerschar von Jüngern ausgestattet hat. Dieses „Ich ist ein Anderer“ ist ein grundstürzender Satz, niemals ganz auszuloten, jedoch immerhin anwendbar: Das abendländische Subjekt muss nicht länger eine angestrengte Einheit sein, es spaltet sich auf in eine Vielheit, erweitert durch Erfahrungen der Entgrenzung. Mit Drogen, gewiss, Geist hilft aber auch schon.

          Anders formuliert: Wer David Bowie jemals live erlebt hat, wird nicht ernsthaft glauben, dass da einer agiert - als authentische Person. Der schöne hündische Hermaphrodit von „Diamond Dogs“? Der gefährliche „Thin White Duke“? Der messianisch abgefahrene „Ziggy Stardust?“ Oder der wasserstoffperoxidblondierte Anzugträger Anfang der Achtziger bei der Tournee im Zeichen des „Serious Moonlight“? Was sonst als Maskeraden sollte Bowies Credo „We can be heroes, just for one day“ bedeuten, eben aus dem Album „Heroes“, das er 1977 in Berlin produzierte? Außer einer tiefen Verbeugung vor Andy Warhol, dessen Adoration der Oberfläche ihn massiv geprägt hat und den er 1996 in Julian Schnabels Film „Basquiat“ auch spielte.

          David Bowie mit William Burroughs, February 1974

          Es ist leider nicht so, dass etwas davon jetzt im Gropius-Bau erfahrbar würde. Dort ist showtime, und zwar der sehr schnittigen Art. Zwar gibt es sie, die sprechenden Requisiten und Erinnerungsstücke in Vitrinen, die intelligenten Kicks in den kleinen Videos und Filmen, die ständig laufen. Doch sie sind nicht vorlaut genug, um die Massen, die in Tranchen durch das dunkle Labyrinth der ausgeklügelten Ausstellungsarchitektur geschleust werden, zu erreichen. Es könnte geschehen, dass Bowies exquisite Verkörperungen verwechselt werden mit der Idee, er sei als Kleiderpuppe für noch so bekannte Modemacher aktiv gewesen - so vollgestopft mit Kostümierungen ist die Schau. Wenn dann auch noch eine als Lendenschurz drapierte Badehose, die Bowie in seiner Bühnenrolle als „Elephant Man“ in London trug, in einer Glasvitrine auratisiert werden soll, ist irgendwie ein Nullpunkt erreicht. Dazu gibt es aus Kopfhörern satt Sound auf die Ohren, für jeden neuen Raum neue Schnipsel, damit bloß keiner aus der Herde ausbricht. Skeptisch macht es da schon, dass offenbar alle Bowie super finden; nicht jedes Missverständnis ist produktiv.

          David Bowie zog 1976 für einige Zeit nach Berlin, ihn hat die Zerrissenheit der Stadt aufgenommen, wie auch umgekehrt. Diese dramatische Romanze ist in der Ausstellung am Ort des Geschehens nur für ohnehin Eingeweihte abgebildet. Denn kein lebensvoller Zusammenhang stellt sich her im Gemisch der Memorabilia. In Berlin entstand das so geheißene Berlin-Triptychon, die Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ (schon nicht mehr dort produziert). Wie heißt es im Lied „Fantastic Voyage“ vom schwierigen Album „Lodger“: „And I don’t want to live with somebody’s depression“ - durch manche Erfahrungen, wie sie Bowie gemacht hat, möchte man nicht selbst müssen, Passagen des Selbstverlusts. Doch wer diese historischen Kenntnisse nicht hat, dem werden sie in der Schau schleierhaft bleiben.

          Von Anfang an gut frisiert: Bowie macht Werbung für seine Band „The Kon-rads“, 1963

          Der Gedanke schleicht sich ein, dass David Bowie in Person recht hat, sich da rauszuhalten. Er hat wahrlich schon genug abgeliefert, und seine Hagiographie kann ohne ihn laufen. Denn Bowie war immer einer, dem man zuhören musste - und das kann anstrengend sein -, seinen komplexen Texten folgen, hinter denen jede Menge Vieldeutigkeit lauert. Jetzt gibt es davon bloß Fetzen über die Kopfhörer, ständige Überblendungen zu beschleunigten, übergroß projizierten Konzertmitschnitten. Diese hektische Un-Art, die sich vermutlich für eine adäquate Form hält, hat nichts mit jenem ästhetisch organisierten Chaos zu tun, das Bowie klanglich und intellektuell inszeniert. Die hohe Zeit der verantwortungslosen Maskeraden hatte ein anderes Tempo. Ziggy Stardusts „Making love with his Ego“ hätte zu diesen Bedingungen nicht funktioniert. David Bowie ist ein Performer. Nie war er so ein Zapp- und Zappelphilipp der Moden, der sich in Spiegelkabinetten selbst zerstückelt. Als den richtet ihn die Ausstellung aber zu, damit möglichst viele Leute durchgeschleust werden können - am Ausgang mit dem Glauben, sie hätten einen Zipfel seiner Persönlichkeit erwischt.

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