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Dennis Wilson : Der einzige Beach Boy, der surfen konnte

  • -Aktualisiert am

Herz und Seele der Beach Boys war sein Bruder Brian Wilson. Aber Dennis war ihm eine Muse, er zeigte ihm das Strandleben und die Traurigkeit. Und Dennis Wilson war der einzige Beach Boy, der surfen konnte. Seinem Solo-Album „Pacific Ocean Blue“ ist das anzumerken.

          3 Min.

          Man tut niemandem unrecht, wenn man das weltverängstigte Genie Brian Wilson als Herz und Seele der Beach Boys bezeichnet. Doch ohne seinen geliebten Bruder Dennis wäre es alles nichts geworden mit dem Surfsound und den Teenager-Symphonien für den lieben Gott. Es war der begeisterte Surfer Dennis, der Brian 1961 dazu brachte, sich thematisch des Strandlebens anzunehmen.

          In den folgenden Jahren stellte Brian in seinen Songs das Leben seines Bruders nach, der, irgendwo zwischen bösem Buben und Sonnyboy, den kalifornischen Traum lebte wie kaum ein Zweiter: Dennis Wilson hing mit Charles Manson herum, verzockte regelmäßig all sein Geld und stieg mit halb Kalifornien ins Bett. Wiederholt flog er aus der Band und geriet in Drogen- und Alkoholschlamassel; wenn es ganz schlimm kam, schipperte er mit seiner Yacht davon, hinaus aufs blaue Meer. In den meisten Artikeln über ihn wird sein Wesen mit dem immergleichen Satz auf den Punkt gebracht: Dennis Wilson war der einzige Beach Boy, der surfen konnte.

          Sein Talent erblühte im Sandkasten des Irrsinns

          Doch Dennis Wilson, der als Schlagzeuger der Beach Boys begann, war selbst ein großer Songschreiber. Allerdings erblühte sein Talent erst spät, nämlich just zu jener Zeit, als sich Brian, von Drogen und Verzweiflung zerfressen, in den Sandkasten des Irrsinns verabschiedete. Zwar wurden die Beach Boys ohne ihr Genie mehr und mehr zum Oldie-Orchester, doch Dennis Wilsons Songs sorgten immer wieder für Höhepunkte.

          Seine Muse war sein Bruder: Brian Wilson als Gewinner des Grammy im Jahr 2005 Bilderstrecke

          Es bestürzt, wenn man sich Filmaufnahmen des späten Dennis Wilson anschaut: Auf der Bühne laufen ihm die Tränen übers Gesicht, die Stimme zerbröckelt fast vor Wundheit, er ist aufgedunsen, von Exzessen entstellt, ein Wrack. Dass er 1983 ausgerechnet beim Tauchen ums Leben kam - er war bedröhnt von seiner Yacht gesprungen -, mutet dennoch zunächst ironisch an. Hört man sein lange nicht erhältliches, nun wieder aufgelegtes Solo-Album "Pacific Ocean Blue" aus dem Jahr 1977, wirkt der Tod im Wasser beinahe folgerichtig: Der Ozean auf dieser Platte klingt erlösend und verschlingend zugleich.

          Freiheit und Auflösung

          "Pacific Ocean Blue" braucht nicht lange, um ganz unten auf dem Meeresboden anzukommen. Wenn nach etwa drei Minuten die Klangstrudel des "River Song" von engelhaften Chören unterbrochen werden, der Song damit fast zum Stillstand kommt und Wilson "You got to run away" krächzt, wird klar: Die Natur, der Fluss, der Ozean - all das bedeutet für Wilson in gleichem Maße Freiheit wie Auflösung. Seine Selbstauskunft zum "All Summer Long"-Album der Beach Boys passt fast zu gut: "Maybe I just like a fast life. I wouldn't give it up for anything in the world. It won't last forever, either. But the memories will."

          Es gibt viele Schlüsselmomente auf dieser Platte, etwa jenen in "Time", wo Wilson flüstert: "I'm the kind of guy who loves to mess around." Eine fatalistische Erkenntnis, in der wie in der Musik beides anklingt: pure Lebenslust und schiere Verzweiflung. Doch es sind weniger einzelne Songs als vielmehr die donnernde Schwere des ganzen Albums, die "Pacific Ocean Blue" so besonders macht. Interessanterweise ist es gerade die musikalische Hybris, die hemmungslose Überladenheit dieser Platte, die sie so anrührend macht - eine Eigenart, die sich das Album mit Gene Clarks "No Other", einem anderen koksbefeuerten Meisterwerk der Siebziger-Melancholie, teilt.

          Wilsons völlig zerschossene Stimme geht gerade deshalb so ans Herz, weil sie über diesen teuren Hochglanz-Sounds aus donnernden Klavieren, Chören, Mucker-Gitarren und Synthesizern liegt. Dies ist Borderline-Musik, der sündhaft teuer orchestrierte Soundtrack zu einer kalifornischen Depression. Man darf sich nicht vom Cover täuschen lassen, auf dem Dennis Wilson zwar ernst dreinblickt, aber ein bisschen wie ein abgeklärter Strandbar-Besitzer aussieht: "Pacific Ocean Blue" ist ein Ozean der Tränen.

          Zwischen Entzugsanstalt und Musikstudio

          Ergänzt wird diese lange nicht erhältliche Platte um das nun erstmals veröffentlichte zweite und letzte Solo-Album Dennis Wilsons. Die Arbeit an "Bambu" zog sich über Jahre hin und war von Anfang an von Wilsons katastrophalem körperlichem Zustand und heftigen Stimmungsschwankungen geprägt. Immer wieder landete er in Entzugsanstalten, er sagte Tourneen ab und überwarf sich mit Bruder Carl, der im Refrain von "It's Not Too Late" noch zu hören ist.

          Das nun zusammenkonstruierte Album hat nicht die Dichte von "Pacific Ocean Blue", brillante Momente gibt es, trotz Dennis Wilsons nun beinahe völlig zerstörter Stimme, jedoch immer wieder. "He's A Bum", das als hingeworfener Feierabendsong beginnt und sich dann wie so oft bei Wilson in eine völlig andere Richtung entwickelt, fasziniert alleine schon, weil man geneigt ist, es als ein weiteres Manifest seiner manisch-depressiven Persönlichkeit zu lesen. "It's alright, you don't have to worry, you don't have to be afraid", scheint er sich am Schluss selbst zu beruhigen.

          Es kam nicht in Ordnung, und es macht heute eher traurig als fröhlich, wenn man sich Dennis Wilsons Solomusik anhört. Was kein Grund dafür sein darf, es nicht zu tun.

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