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Tony Bennett wird neunzig : Unplugged? Das hat er doch die ganze Zeit gemacht

Der letzte Crooner: Tony Bennett. Bild: dpa

Wer einen der letzten großen Entertainer erleben will, muss Tony Bennett hören. Frank Sinatra hatte höchsten Respekt vor ihm, und mit den Red Hot Chili Peppers trat er auch auf: Zum neunzigsten Geburtstag eines unverwüstlichen Sängers.

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          Zum Rat Pack gehörte er nicht, doch auch er war in den sechziger Jahren ein Protegé von Frank Sinatra. Als der im April 1965 von der Zeitschrift „Life“ gefragt wurde, welche Sänger er neben sich gelten ließe, nannte er nur Tony Bennett. Manche sahen darin die Kapitulation vor einem Konkurrenten, der sich drei Jahre zuvor mit „I Left My Heart in San Francisco“ wie aus dem Nichts in die Herzen der Amerikaner gesungen hatte und seitdem dort jenen Platz einzunehmen schien, den Sinatra vor seinen Eskapaden mit Ava Gardner und den permanenten Mafiagerüchten innegehabt hatte: den des singenden Wunschschwiegersohns.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch als Sinatra sein Lob aussprach, war es erst einen Monat her, dass Bennett, der 1926 am Rande von New York geborene Sohn eines italienischstämmigen Ehepaars, am Marsch der schwarzen Bürgerrechtler um Martin Luther King von Selma nach Montgomery teilgenommen hatte, um gleiches Wahlrecht für alle Amerikaner zu erkämpfen. Das hatte ihn Sympathien bei seinem weißen Publikum gekostet, und so war Sinatras Lob mehr als ein Ritterschlag durch den König der Crooner; es war demonstrativer Beistand für einen Sänger, der keine Scheu hatte, seine Meinung zu vertreten. Tatsächlich für einen wie Sinatra selbst.

          Am Beginn von Bennetts Karriere hatte man ihm noch geraten, den elf Jahre älteren und bereits landesweit berühmten Sinatra nur ja nicht zu imitieren, denn für zwei Italoamerikaner sei in den Hitparaden kein Platz. Also wurde aus Anthony Benedetto der all American boy Tony Bennett, der sich eher an leichter Muse versuchte, als jene Musical- und Jazzstandards des nie eindeutig definierten, aber umso mythischeren Great American Songbooks aufzunehmen. Die waren Sinatras Domäne (und die von dessen großen Rivalen Bing Crosby und Perry Como).

          Die Rückkehr des Stars

          Auch Bennett war kein Songwriter, sondern Interpret, aber das Material, das er einspielte, war abseitig. „I Left My Heart in San Francisco“ etwa war 1953 für die in Kalifornien geborene Kontraaltistin Clamarae Turner geschrieben worden, aber nie von ihr aufgenommen worden, ehe sich Bennett des Lieds annahm und damit die ersten zwei seiner bislang neunzehn Grammies gewann. Noch im selben Jahr nahm auch Sinatra den Song auf, Como folgte 1963, und dann war kein Halten mehr: Duke Ellington, Fats Domino, Peggy Lee, Sammy Davis Jr. und zahlreiche Sänger mehr. Bennett hatte nun selbst dem Great American Songbook ein Lied hinzugefügt.

          An wen sollen wir uns halten, wenn er sich abwendet? Tony Bennett 2012 beim Jazzfestival von Montreux.
          An wen sollen wir uns halten, wenn er sich abwendet? Tony Bennett 2012 beim Jazzfestival von Montreux. : Bild: dpa

          Von nun an bediente er sich eifrig bei den Klassikern, und sein im Vergleich zum mittleren Sinatra samtigerer Tonfall nutzte nicht nur Standards, sondern setzte sie auch. Doch nach den sechziger Jahren schien die Karriere schon wieder beendet; was den Mitgliedern des Rat Pack gelungen war – ihren exzessiven Lebensstil zum Markenzeichen für souveräne Lässigkeit zu machen –, nahm dem braven Bennett, der zuvor keine Eskapaden zu bieten hatte, niemand ab. Als er in Alkohol und Drogen abrutschte, kostete ihn das seinen Vertrag bei Columbia, der wichtigsten amerikanischen Plattenfirma, und er musste erst sechzig Jahre alt werden, um ihn zurückzubekommen. Doch dann etablierte sich Tony Bennett binnen kurzem wieder als Star, ohne auch nur eine Nuance an seinem angestammten Repertoire geändert zu haben.

          Der letzte seiner Art

          Stattdessen suchte er den Kontakt zu einem jungen Pop-Publikum, dem dieses Repertoire nichts mehr sagte, und dazu trat er in Talkshows auf, brachte seine Lieder in der Trickfilmserie „The Simpsons“ unter oder sang gemeinsam mit der Rockgruppe Red Hot Chili Peppers, während er gleichzeitig eine Standards-Platte nach der anderen einspielte, darunter 1993 eine Hommage an den bewunderten Sinatra, „Perfectly Frank“, die ihm den dritten Grammy bescherte – dreißig Jahre nach den ersten beiden. Doch als Königsweg erwies sich 1994 sein Auftritt in der Unplugged-Konzertreihe des Musiksenders MTV. Mochte Bennett auch nachher lästern, er habe doch zeit seines Lebens nichts anderes als „Unplugged“-Musik gemacht, also nicht elektrisch verstärkt, geriet der Auftritt mit dem Ralph Sharon Trio, seinen festen Begleitern seit 1957, zur Sensation. Der Swing dieser vitalen Endsechziger auf der Pop-Bühne brachte eine ganze Ära zurück.

          Bennett trat danach einfach nicht mehr ab. Mit achtzig nahm er ein Album mit Duetten auf, für die er Rock-Superstars wie Paul McCartney, Bono, Elton John oder Sting vors Mikrofon bat. Das Erfolgsrezept wiederholte er mit 85, als er für eine zweite Duett-Platte eine weitaus subtilere Auswahl an Partnern traf: diesmal vor allem große amerikanische Gesangspersönlichkeiten wie Natalie Cole, Mariah Carey, Norah Jones, Queen Latifah, Sheryl Crow oder Aretha Franklin.

          Aber auch die hemmungslose Bennett-Bewunderin Amy Winehouse (die markante gestopfte Trompete ihres Debütalbums „Frank“ stammt geradewegs aus dem Arrangement von Bennetts „The Best Is Yet to Come“) für deren letzte Aufnahme überhaupt oder Lady Gaga nahmen teil. Mit Letzterer spielte Bennett dann 2014 ein ganzes Album ein, auf dem von „Anything Goes“ bis „It Don’t Mean a Thing (If It Ain’t Got that Swing)“ ausschließlich Standards Aufnahme fanden. Da war Tony Bennett 88, heute wird er neunzig und darf sich zwar nicht als König, aber Letzten der Crooner bezeichnen. Er ist der Mann im Musikgeschäft, der sich immer wieder alt erfunden hat. Das hält ihn wunderbar jung.

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