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Elliott Sharp zum Siebzigsten : Zwölf Takte, zwölf Töne

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Bild: WireImage

Er ist einer der gefragten Exzentriker zwischen allen musikalischen Stühlen. Zum siebzigsten Geburtstag des unberechenbaren Musik-Experimentators Elliott Sharp.

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          In der außerirdischen Stadt New York leben und im geordneten Mitteleuropa seinen Unterhalt verdienen: Für manchen radikalen Musiker ist das schon ein Erfolgsmodell gewesen oder sagen wir lieber eine Strategie zum künstlerischen Überleben. Der hellwache Tagträumer Elliott Sharp könnte davon ein Lied singen, besser vielleicht: über einen zwölftaktigen Blues improvisieren oder ein zwölftöniges Streichquartett komponieren. Viele Avantgarde-Festivals dürfte es diesseits des Atlantiks jedenfalls nicht geben, auf denen sich der attraktive Kahlschädel mit seinen kopflosen Gitarren und einem Koffer voller Auftragspartituren noch nicht hat blicken lassen. Und jenseits des Großen Teiches hat er sich seit den siebziger Jahren in der supercoolen Lower-East-Side-Szene von Manhattan die Reputation erworben, die ihn zu einem gefragten Exzentriker zwischen allen musikalischen Stühlen werden ließ.

          Elliott Sharp ist das Paradebeispiel eines modernen Künstlers, allgegenwärtig und kategorial ungreifbar, mit allen Wassern der Szene gewaschen, ohne in seinen Kunstäußerungen aseptisch geworden zu sein. Der dreckige Delta-Blues eines Hubert Sumlin klebt an seinen Tapping-Fingern wie die Chaostheorie oder die Fibonacci-Zahlen am Notenpapier seiner Kompositionen. Beruflich wäre ihm allerlei zuzutrauen: Elektroingenieur oder Mathematikprofessor an der Harvard University, Kurator am MoMA, Anthropologe im afrikanischen Busch oder Lehrbeauftragter bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik.

          Zwei Ereignisse in seinem Werdegang charakterisieren ihn mehr als jedes einzelne Werk aus seinem mittlerweile stattlichen Kunstkatalog. Als er siebzehn war, erhielt er ein Stipendium der National Science Foundation für ein biologisches Experiment, mit dem er die genetischen Mutationen von Fruchtfliegen unter dem Einfluss von Mikrowellen nachweisen konnte. Zur gleichen Zeit bekam er eine E-Gitarre geschenkt, und die Fruchtfliegen konnten ihr Unwesen ungestört weitertreiben. Seitdem kämpfen in der Brust von Elliott Sharp naturwissenschaftliche Interessen mit künstlerischer Leidenschaft. Nicht zum Nachteil für die Musik. Man kann über seine bisweilen hermetischen, bisweilen brachialen Klänge den Kopf schütteln oder die Ohren verschließen.

          Aber was bei all den Überlegungen herauskommt, die Sharp bei der Produktion von Musikskulpturen, Klanginstallationen, Multimedia-Ereignissen und Konzept-Art mit Hilfe fraktaler Geometrie, natürlicher Wachstumsvorgänge, sozialer Komponenten und unkonventioneller Kompositionstechniken anstellt, ist hochoriginell, inspirierend und oft auch emotional anregend. Wer allerdings bei ihm ein großes Instrumentalwerk in Auftrag gibt, muss wissen, dass für ihn ein Orchester ein additiver Synthesizer mit einem altertümlichen Betriebssystem ist, dem man ein etwas anderes Sounddesign verabreichen muss. Und wer ihn mit seiner E-Gitarre oder diversen anderen Geräuschwerkzeugen in einem Punkschuppen auftreten lässt, darf sich nicht wundern, wenn Sharp dabei Thelonious Monks „Round about Midnight“ dekonstruiert. Gut beraten sind bei ihm Veranstalter oder Hörer, die – wie es Eugene Ionesco einmal formulierte – musikalisch an nichts glauben, aber bereit sind, an alles zu glauben. Denn Elliott Sharps Kunst ist immer Next Wave. Heute kann er seinen siebzigsten Geburtstag feiern.

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