https://www.faz.net/-gqz-a03ef

Biographie über Joni Mitchell : Dieses perverse Bedürfnis nach Originalität

  • -Aktualisiert am

Detailschärfe und Facettenreichtum

Viel ist an Joni Mitchell herumgezerrt worden. Manche wollten sie als Jeanne d’Arc verstehen, als Don Juan, Sirene, Muse oder „one of the lads“, wie Graham Nash – dessen Heiratsantrag Mitchell ausschlug – sie in seiner Autobiographie „Wild Tales“ (2013) genannt hat. Oft wurde Mitchell zum Objekt typisch männlicher Projektionen oder patriarchalisch-kitschiger Stereotype. So auch bei Jochen Distelmeyer auf dem Buchumschlag: „Die Liste ihrer Rivalinnen ist Legende, die Namen ihrer Liebhaber sind Legion.“

Yaffe entzieht sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen („wie eine nordische Göttin“), dieser Perspektive. Er kommt Mitchell auch deshalb so nahe, weil er sie ausführlich in ihren eigenen Worten abbildet. Seine Interviews mit ihr erlauben Detailschärfe, und im Wechsel mit Gesprächen mit Weggefährten wie Judy Collins, Leonard Cohen oder Larry Klein bilden sie ein facettenreiches Porträt. Yaffe hat sogar mit Dick Cavett gesprochen, dessen Sendung 1969 dafür sorgte, dass Mitchell Woodstock verpasste und sie unfreiwillig dazu bewegte, ihre gleichnamige Hippie-Hymne zu schreiben.

„So bescheiden wie Mussolini“

Im Gegensatz zu CSNY oder Bob Dylan war Mitchell nie eine Aktivistin; „die Politik des Rock and Rolls“, erklärt sie, „war so teenagerhaft, so Baby-anarchistisch“. Sie wollte innere Gefühle beschreiben, keine politischen Ereignisse, was nicht zuletzt von einer gewissen Mittelschicht-Ästhetik zeugt – Mitchells Hasswort, wie Yaffe feststellt, als er in einem Artikel ihre Inneneinrichtung als „middle-class“ beschreibt und sich daraufhin von ihr beschimpfen lassen muss; Mitchell sah sich weiter oben. Ihr Kunstbewusstsein war jedenfalls stets eher bürgerlich denn hillbilly. Als Teenager noch „antiintellektuell bis zum Abwinken“, schulte sie sich bald an Edith Piaf, Beethoven und Debussy.

Als Gesprächspartnerin ist Mitchell einerseits esoterisch; sie glaubt an Astrologie und daran, dass Elektrizität krebserregend sei, und auch ihr fragwürdiges Verhältnis zum Blackfacing, etwa auf dem Cover von „Don Juan’s Reckless Daughter“ (1977), kritisiert Yaffe zu Recht. Wenn sie aber über Kunst redet, ist Mitchell angenehm klarsichtig: „Entweder klaut man beim Leben, oder man klaut aus Büchern. Beim Leben gibt es kein Copyright, bei Büchern schon.“ Sich selbst sieht Mitchell – David Crosby zufolge „so bescheiden wie Mussolini“ – in einer Reihe mit Künstlern wie Miles Davis, Van Gogh und Picasso.

In der deutschen Ausgabe sind zwar abenteuerliche Fehler durchs Lektorat gerutscht: „Virginia Wolfe“, „Elizabeth Cotton“, „Glen Gould“, „Langton Hughes“, „Lionel Ritchie“, „Berkely School of Music“, selbst „Song for Sharon“ heißt einmal „Song for Susan“. Das nimmt Yaffes Biographie aber nicht ihren Sog. Vor allem ist sie eine Einladung: Man solle, sagt Joni Mitchell an einer Stelle, nicht „Blue“ hören und dabei an sie denken „wie ein Gaffer bei einem Autounfall“. Sondern an sich selbst, den Zuhörer. „I see something of myself in everyone / Just at this moment of the world“, singt Mitchell in „Hejira“. Wer nach innen gewandt ihre Alben hört, zum zehnten oder zum ersten Mal, und dabei dieses Buch liest, kommt nicht umhin, etwas von sich in Joni Mitchell zu finden.

David Yaffe: „Joni Mitchell“. Ein Porträt. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 583 S., geb., 28,– €.

Weitere Themen

Topmeldungen

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, auf der IAA 2019

Diess gegen Osterloh : Showdown im Volkswagen-Reich

Erst im Sommer ist VW-Chef Herbert Diess nur knapp seinem Rauswurf entgangen. Jetzt ist der Machtkampf in dem Unternehmen neu ausgebrochen – und die Spitze des Aufsichtsrats tagt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.