https://www.faz.net/-gqz-8aqdc

David Bowies „Blackstar“ : Vertrau niemandem außer den Sternen

  • -Aktualisiert am

David Bowie ist seit Jahren nicht mehr aufgetreten, legt aber immerhin bald ein neues Album vor. Bild: Jimmy King/Sony Music/dpa

David Bowie bringt ein neues Album heraus: „Blackstar“ . Es ist klingt nach geheimnisvollen Botschaften aus dem Jenseits, jazzig und düster. Trotzdem ist es kein Jazzalbum – und auch kein Rock’n’Roll. Doch was ist es dann?

          5 Min.

          Das Schöne an großen Städten ist ja, dass man auch nach vielen Jahren an Orte kommt, die man noch nicht kannte, ein Planetarium zum Beispiel. Da steigt man aus der S-Bahn und weiß kurz nicht, in welcher Stadt man ist, wo Norden ist und wo Süden. Man stapft auf einen Hügel und wieder herunter (die Sternwarte ist nicht das Planetarium, okay, hätten wir auch das geklärt), und dann sitzt man in einem kreisrunden Raum und hat an einem grauen Nachmittag nicht nur ein neues Gebäude entdeckt, sondern gleich einen ganzen Stern.

          „Blackstar“ heißt das neue Album von David Bowie, statt des Wortes verwendet er lieber das Symbol dafür, einen schwarzen Stern. Die Platte erscheint am 8. Januar, dem 69. Geburtstag des Popkünstlers, und die Logik der Musikindustrie bringt es mit sich, dass man jetzt schon über die Musik lesen, sie aber noch nicht hören darf (vom Titelsong und „Sue“ einmal abgesehen). Die Plattenfirma veranstaltete dieser Tage sogenannte Pre-Listenings in mehreren Städten auf der Welt, in Berlin ging es ins Planetarium der Wilhelm-Förster-Sternwarte.

          Wo sonst zur „Kreuzfahrt durchs All“ aufgebrochen wird, Peter Maffays „Tabaluga“ oder keltische Harfen erklingen, raunt und klagt nun David Bowie: einmal im Dunkeln, mit Sternenspiel, und einmal im Hellen, zum Mitschreiben.

          Hiphop-Beat und viel Saxophoneinsatz

          Und wie klingt es nun? Gut. Nie seit dem Plastic-Soul-Album „Young Americans“ von 1975 hat Bowies Stimme besser und voller geklungen als auf „Blackstar“. Er kann ja wirklich richtig singen, wenn er will. Aber den Schmelz und Schwung von „Young Americans“, den hat „Blackstar“ nicht, es ist düster und getragen und ernst: Jazz im Zentrum, Beats und Elektronik an den Rändern. Tony Visconti hat die Platte produziert (wie übrigens auch „Young Americans“ und einige Bowie-Alben mehr), und sie klingt nicht immer mitreißend, aber auch nirgends langweilig. Man habe, so Visconti gegenüber dem amerikanischen Magazin „Rolling Stone“, den Rock ’n’ Roll vermeiden wollen.

          2014 engagierte Bowie den Jazz-Saxophonisten Donny McCaslin und dessen Combo. Im „Magic Shop“-Studio in New York wurde „Blackstar“ aufgenommen, und wenn man Tony Visconti glauben darf, dann muss die Arbeit mit den Jazzern um Donny McCaslin richtig Freude gemacht haben. Trotzdem ist „Blackstar“ kein Jazzalbum geworden. Was ist es dann?

          Es ist leider extrem schwierig zu beschreiben, was man da hört. „Ahhhh-haaa, ahhhh-haaa“ steht in meinem Notizbuch. Da steht auch was von „scharfen, harten Drums“ auf „’Tis a Pity She Was a Whore“, dem zweiten Stück, das einen Hiphop-Beat hat und viel Saxophoneinsatz. Auf einen Nenner bringen lässt sich das Album nach zweimal Hören nicht, es gibt insgesamt sieben Stücke, alle länger als viereinhalb Minuten.

          Seltsames, etwas unheimliches Zeug

          Ein Hit ist nicht darunter, aber auch kein Flop. Das sind aber auch nicht die Kategorien, in denen Bowie denkt, seitdem er Krautrock und Elektronik für sich entdeckte: Beide sagen auf „Blackstar“ noch einmal „Guten Tag“ – oder eher „Gute Nacht“, denn die Platte ist so schwarz wie ihr Name. Man meint, beim Hören in einem völlig finsteren Raum zu sitzen, in den nur hier und da ein Lichtschein fällt: die letzten Zuckungen eines sterbenden Sterns oder geheimnisvolle Botschaften aus dem Jenseits. So muss Bowie auch auf das Artwork seines Albums gekommen sein: „Höhere Wesen befahlen: alle fünf Ecken schwarz anmalen!“

          Das Album kommt wie gesagt erst am 8. Januar in die Läden, aber es gibt ja schon das zehn Minuten lange Video zu „Blackstar“, und man kann sagen, dass es viele Schlüssel enthält zu dem, was auf dem Album passiert: seltsames, etwas unheimliches Zeug.

          Wir sehen eine Sonnenfinsternis, betrachtet von einem fremden Planeten aus, auf dem ein Astronaut in seinem weißen Anzug gestrandet ist. Dann eine Frau mit einer Art Rattenschwanz, die seinen skelettierten, dekorierten Schädel aus dem Helm nimmt. Sie trägt den Schädel in einer Art Reliquienkästchen durch ein ausgestorbenes Dorf. Später wird er eine Gruppe Mädchen in geblümten Kleidern in Trance versetzen und im Sand wühlen lassen.

          Okkultismus und Kokain

          Dann erscheint Bowie selbst, der sich die Augen verbunden hat und auf einem Dachboden tanzt. Das Bild erinnert lustigerweise an eines, das Bowies Freund Tony Oursler gehört, dem New Yorker Künstler, der das Video zu „Where Are We Now“ gedreht hat. Oursler besitzt ein großes Archiv zu paranormalen Phänomenen, das kürzlich als Buch veröffentlicht wurde. Darin findet sich auch das Foto eines Dr. Noran, eines Verfechters der sogenannten „außersinnlichen Wahrnehmung“, die er 1978 demonstriert, indem er sich Kronkorken über die Augen klebt.

          Das mag alles Zufall sein, aber die Siebziger waren eben auch die Zeit, in der Bowie sich intensiv mit dem Okkulten beschäftigte. Im Sommer 1974 hatte er angefangen, massiv Kokain zu nehmen. In Los Angeles, wo die Stars einsam in ihren Villen sitzen und in Limousinen zu anderen einsamen Stars gefahren werden, wurde aus Ziggy Stardust der Thin White Duke, ein spindeldürrer weißer Mann, der den weiten amerikanischen Himmel nach Anzeichen für Ufos absuchte und mit Elizabeth Taylor, Cher und Bing Crosby abhing.

          Vor Bowies Haus am Doheny Drive in Beverly Hills wachten zwei Sphinxen, so sein Biograph David Buckley. Bei heruntergezogenen Jalousien und im Schein schwarzer Kerzen malte Bowie dort große Pentagramme. Einen authentischen Eindruck vom L.-A.-Bowie vermittelt sein Auftritt in der Dick Cavett Show von 1974: Mit Stock und zugekokst bis zum Scheitel kichert Bowie sich durch eine der beliebtesten Shows des amerikanischen Unterhaltungsfernsehens.

          In seiner androgynen, paranoiden Verstrahltheit war er Mitte der Siebziger ziemlich lebensuntüchtig - und die perfekte Besetzung für einen Außerirdischen. Bowie bekam 1976 statt Peter O’Toole die Hauptrolle in „Der Mann, der vom Himmel fiel“, der Adaption eines Science-Fiction-Romans von Walter Tevis durch Nicolas Roeg („Wenn die Gondeln Trauer tragen“). Nie war er überzeugender denn als geschlechtsloses Alien, das in der Wüste von New Mexico herumläuft. Und jetzt, fast vierzig Jahre später, ist er wieder far out.

          „Look up here I’m in heaven“, singt Bowie auf „Lazarus“. „I’ve got scars that can’t be seen . . . Everybody knows me now . . . Look at me now, I’m in danger.“ Da steigt einer hoch und bekommt es mit der Angst zu tun, er lässt sogar sein Handy fallen. „I’m so high it makes my brain whirl.“

          Die tiefe Einsamkeit derer, die anders sind als die anderen, die funkt aus den Siebzigern in die Gegenwart herüber. Bowie dreht in „Blackstar“ eine weitere Runde in seinem Archiv – nur die Klamotten von damals, die überlässt er lieber dem Museum. Seit einem Jahrzehnt hat er nicht öffentlich gesungen, kein Interview gegeben. Nur in der Musik und in den Videos kommuniziert er mit der Welt – im Reich der Kunst.

          Ein heiliger Gral der Bowie-Forschung

          Er besingt die Einsamkeit der Stars, wie schon mit „Fame“, damals gemeinsam mit John Lennon, den eben dieses Starsein ein paar Jahre später umbringen sollte. Wer berühmt ist, vertraut niemandem mehr außer den Sternen, deshalb ist Astrologie in Hollywood so verbreitet wie der Glaube an Vitamine und Scientology. Das „Hollywood Babylon“-Ding, das Geistersehen, die Ufo-Manie, das Interesse am Okkulten und Magischen durchdringt „Blackstar“. Warum? Entdeckt Bowie den Spirit seiner Aleister-Crowley-und-Kokain-Phase neu? Und wenn ja, warum jetzt?

          Vielleicht, weil er sich gerade erst wieder in den Thin White Duke versetzen musste. „Lazarus“, der dritte Track auf dem neuen Album, entstand für ein gleichnamiges Off-Broadway-Stück, das vom 7. Dezember im New York Theater Workshop zu sehen ist. Dieses Stück wiederum basiert auf „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Das Stück soll, so liest man, eine Art Fortsetzung sein, als Musiktheater. Neu arrangierte alte sowie neue Stücke kommen vor – aber nicht David Bowie selbst, wie die Homepage des Theaters ausdrücklich betont. Zwar hat Bowie 1979 schon einmal sehr gute Kritiken als Bühnendarsteller des „Elephant Man“ bekommen, in New York bleibt er jedoch lieber hinter den Kulissen.

          Der Brite ist Co-Autor von „Lazarus“. Es ist das erste Mal, dass er Musik für ein Bühnenstück schreibt, und vielleicht ist es die Chance, etwas nachzuholen. Schon für Nicolas Roegs Filmadaption von 1976 hatte Bowie nämlich einen Soundtrack geschaffen, der aus undurchschaubaren juristischen Gründen nicht verwendet wurde und als ein heiliger Gral der Bowie-Forschung bis heute unter Verschluss gehalten wird. Aber Bowie wäre nicht Bowie, wenn er ihn nicht einfach neu schreiben könnte: als dunklen, schwarzen Stern.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Am 17. Februar im libyschen Benghazi: Frauen halten Landesfahnen hoch, um den 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings in Libyen zu feiern, der zum Sturz des damaligen Gewaltherrschers Gaddafi führte.

          Hilfe für Libyen : Zwischen Wahl und Warlords

          Bisher hält der Waffenstillstand in Libyen. Nun soll eine weitere Konferenz in Berlin die Stabilisierung des Landes voranbringen. Doch nicht jeder Akteur hat daran ein Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.