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David Bowie in Berlin : Das Lied vom Ende und sein Anfang

Im Sommer 1977 hat David Bowie „Heroes“ aufgenommen, und keiner hat es mehr gewagt, einen derart pathetischen Popsong über die Mauer zu schreiben. Als Bowie ihn zehn Jahre später über die Mauer hinweg singt, gehen in Ost-Berlin die Krawalle los.

          Das Hansa-Studio an der Mauer ist groß. Als David Bowie dort ab Juli 1977 im Meistersaal mit den Aufnahmen zu „Heroes“ beginnt, spielt auch die Berliner Jazzrock-Band Messengers neue Stücke ein. Ihre Sängerin heißt Antonia Maaß. Nicht viele sind Bowie damals so nahe gekommen wie sie. Aber keiner spricht so nüchtern über ihn.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Wie ein Schlaglicht“, sagt sie heute, stehen ihr die Bilder von damals vor Augen: die beiden Bands im Hansa-Studio, quasi Tür an Tür. Der Abend im Jazzclub „Eierschale“ am Breitenbachplatz, wo Bowies Musiker mit den Messengers auf die Bühne gehen. Wie es dort „funkt“ zwischen ihr und Bowies Produzent Tony Visconti. Eine diskrete Affäre. Lange Spaziergänge an der Havel. Nächte in ihrer Wohnung, einem Altbau an der Wartburgstraße, keine zehn Minuten von Bowies sieben Zimmern in der Hauptstraße 155 entfernt.

          Das küssende Paar an der Mauer, das seid doch ihr!

          Das sind die schönen Erinnerungen. Die schlechten deutet Antonia Maaß nur an: harte, härteste Drogen. Damit will sie nichts zu tun haben. Sie trinkt ja nicht mal Alkohol. Visconti sei anders gewesen, ein tiefgläubiger Buddhist. Und Bowie? „Mir war er als Mensch unappetitlich.“ Antonia Maaß, damals 33 Jahre alt, wird dennoch bei „Heroes“ mitsingen, im Chor: We can be heroes / Just for one day.

          Hier wohnte Bowie in seiner Berliner Zeit

          Es gibt Leute, die sagen, dass es in diesem Lied sogar um Antonia Maaß geht. Und um Visconti. Das küssende Paar an der Mauer, das seid doch ihr! Aber das stimmt nicht, sagt Antonia Maaß. Als Bowie das Lied geschrieben habe, seien Tony und sie noch kein Paar gewesen. Gefragt, wie „Heroes“ entstanden sei, sagt Bowie heute, Visconti solle das besser beantworten. Der meint: „Ich kann nicht sagen, woher er die anderen Bilder für sein Lied nahm, aber wir waren das Paar.“ Antonia Maaß aber sagt: „Wir waren es auf keinen Fall.“

          Bowies Weg vom Flüstern zum Schreien

          Zwei Monate dauert die Arbeit am neuen Album. Bowie weiß meist erst, wovon er singt, wenn er am Mikrofon steht. Nur das Titelstück, sagt Visconti, nur „Heroes“ hat Bowie traditionell geschrieben. Hat sich hingesetzt, Strophen und Refrain aufgeschrieben und sie dann eingesungen.

          Eines Nachmittags im Sommer 1977 probieren Visconti, Bowie und Eno an einer Akkordfolge herum, die Bowie und Brian Eno gemeinsam entwickelt haben: Daraus werden acht Minuten Material, ein Lied ohne Namen. Aber Text fehlt noch. Also schickt Bowie sie alle hinaus, um ihn zu schreiben. Als er fertig ist, stellt Visconti drei Mikrofone im Meistersaal auf: das erste direkt vor Bowies Nase, das nächste sechs und das letzte fünfzehn Meter von ihm entfernt. Eines nach dem anderen hat er sie dann geöffnet, um Bowies Weg vom Flüstern zum Schreien in epischer Breite einfangen zu können.

          Achtung, Sie betreten den ironischen Sektor

          Sechzehn Jahre lang steht die Mauer schon, als Bowie im Sommer 1977 „Heroes“ schreibt. Aber in diesen sechzehn Jahren und den gut dreißig Jahren danach hat keiner es mehr gewagt, noch mal einen derart pathetischen Popsong über die Mauer zu schreiben. „Heroes“ ist bis heute der einzige Popsong, der damit weltberühmt wurde.

          Alles, was Bowie über die Entstehungsgeschichte sagt, sollte man besser in Anführungszeichen setzen, so wie er selbst das ganze Lied: „,Heroes‘“. Mit Satzzeichen kann man sich leicht die Welt vom Leib halten. Bowie puffert den grenzenlosen Idealismus seines Lieds, das „Helden“ heißt, einfach ab, indem er ein Kunstsignal setzt: Vorsicht, ab jetzt spreche ich uneigentlich. Achtung, Sie betreten den ironischen Sektor.

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