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David Bowie : Der Mann, der von der Bühne fiel

Er hatte immer Schauspieler werden wollen. Und stand doch erst vor der Kamera, als der Regisseur keinen Schauspieler wollte, sondern eben David Bowie: Wie sich das Kino bemühte, einen Popstar einzufangen, der seiner Zeit stets voraus war.

          Im schönsten Film mit David Bowie hat David Bowie selbst gar nicht mitgespielt. Jonathan Rhys Meyers übernahm seinen Part - in „Velvet Goldmine“, einem Musical des amerikanischen Regisseurs Todd Haynes. Der verschmolz im Jahr 1998 den Popstar Bowie mit dessen real existierender Kunstfigur „Ziggy Stardust“ zur fiktiven Biografie des extravaganten Brian Slade, eines androgynen, größenwahnsinnigen, höchstbegabten Rockidols. Erst sollte sich David Bowie mit sieben Liedern wie „Moonage Daydream“ oder „All The Young Dudes“ am Soundtrack beteiligen, lehnte das dann aber ab, weil er selbst einen Film über „Ziggy Stardust“ drehen wollte. Und so entstand „Velvet Goldmine“ ohne ihn mit ihm - ein absurd verzerrter Film über das Leben eines Künstlers, der David Bowie aufs regenbogenfarbene Haar gleicht, unterlegt allerdings mit dem Glamrock von „T. Rex“ und „Roxy Music“, seinen größten Konkurrenten in den frühen siebziger Jahren.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber hätte David Bowie, der in diesem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feierte (siehe auch: David Bowie - der weise Pfau), überhaupt in seiner eigenen Biografie mitspielen können? Und wenn ja, als was? Als Folksänger, Marsianer, Egon Schiele, Elefantenmensch? All das und noch so unendlich viel mehr ist Bowie zu verschiedenen Zeiten seines Lebens und manchmal sogar gleichzeitig gewesen. „Er ist ein netter Kerl“, soll John Lennon einmal über ihn gesagt haben, „wenn man weiß, mit wem von ihm man gerade redet.“

          Schwierig zu erkennen, was bei Bowie momentan vorne ist. Die kultivierte Oberfläche, das ist er vor allem gewesen, ein Interpret, der erst in der Performance sein Gesicht zeigt, nicht das wahre, sondern nur eines von vielen. Wie ein Fernseher ist David Bowie ein Medium zur Bilderzeugung. Und wenn er sich auch noch so sehr seit den Anfängen seiner Karriere im London der sechziger Jahre bemühte, ein Schauspieler zu sein, und dafür Unterricht beim Choreographen Lindsay Kemp nahm - es ist ihm nie geglückt, er ist es eigentlich nie gewesen.

          Er sollte nur er selbst sein: ein Außerirdischer

          Doch genau deshalb hatte ihn der englische Regisseur Nicolas Roeg 1976 für seinen Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (Criterion Collection) engagiert. Roeg und sein Drehbuchautor Paul Mayersberg suchten keinen professionellen Schauspieler für ihre Rolle des Außerirdischen Thomas Jerome Newton, der auf die Erde kommt, um für seinen verdurstenden Planeten Wasser zu finden, sondern jemanden, der Isolation und Entfremdung darstellen konnte. Der am eigenen Leib zeigen konnte, wie das ist, aus der Welt oder eben auf die Welt gefallen zu sein, humanoid auszusehen, aber zwischen den Menschen allein zu gehen, kontaktlos und fremd. Bowie, der bei den Dreharbeiten auf dem Höhepunkt seines Drogenkonsums und seiner Karriere war, passte da genau.

          Er war paranoid, las den Okkultisten Aleister Crowley und sah Gespenster. Er war furchtbar dünn und wog keine sechzig Kilo mehr. Seine berühmten blauen Augen - das eine dunkel, das andere hell - waren sowieso immer angsteinflößend gewesen: „Er ist schon einmal hiergewesen“, soll die Hebamme nach einem Blick in diese Augen gesagt haben, als sie David Jones am 8. Januar 1947 zur Welt brachte. Also casteten Roeg und Mayersberg ihn und verlangten, dass er vor der Kamera nichts anderes tun sollte, als er selbst zu sein.

          Das ist eigentlich ganz schön viel verlangt von einem Kaleidoskop wie Bowie, aber es glückte ihm, und so ist sein erster Film zugleich sein bester geworden. Roegs Filmtricks nerven zwar, die Zeitmanipulationen, dieser allgegenwärtige Kunstwille - aber dafür gibt es unvergessliche Bilder. Bowie im Dufflecoat in der Wüste New Mexicos, wie er an einem See eine Tasse Wasser trinkt. Bowie im Fliehkraftbeschleuniger. Bowie, wie er in einer Kirche mitzusingen versucht, den Text aber nicht kennt, weswegen er nur die Lippen bewegt. Eine hellsichtige Szene, denkt man an seine weitere Kinokarriere: Hier versucht einmal nicht der Sänger zu schauspielern, sondern der Schauspieler zu singen. Der Schwebezustand gibt Bowie in dieser Rolle noch Halt. Auch wenn er als Newton die Schwerkraft eigentlich im Namen trägt - er driftet körperlos durch seine Performance. „Life's a Gas“, hätte sein Glamrockkollege Marc Bolan von „T. Rex“ wohl dazu gesagt.

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