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Reeperbahn Festival 2020 : Was hat dich bloß so ruiniert?

  • -Aktualisiert am

„Between a Smile and a Tear“: Der dänische DJ Be Svendsen in Hamburg Bild: Fynn Freund

Globales Signal: Das Reeperbahn Festival hat die Mission, die Livemusik-Branche und Clubs zu retten. Diesmal haben Stadt und Bund einen Rekordzuschuss beigesteuert.

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          Gerade erst hatte Constantin von Twickel den von roten Ziegelsteinen gewärmten Club „Nochtspeicher“, der einst dreihundert schwitzende Menschen fasste, in einen Kabarett-Club mit 48 Sitzplätzen verwandelt. Schon rückte er ins Zentrum einer Kabarett-Kontroverse: Weil die Österreicherin Lisa Eckhart hier von einem Literatur-Festival ausgeladen wurde, wünschten ihre Fans dem Nochtspeicher am Telefon den Tod. Vor diesem bewahrt den Club ohnehin nur ein staatliches Rettungsprogramm, das im Dezember ausläuft.

          Beim Reeperbahn Festival, das vergangene Woche in Hamburg stattfand, musste sich der Club neu erfinden, um trotz Corona- und Kabarett-Krise zu überleben. „Wir werden immer als die Party-Leute abgestempelt“, sagte von Twickel. Jetzt galt es, sich in einem neuen Kontext zu präsentieren: Erstens als gepflegte Sitz-Location. Und zweitens als ein aufrechter Partner für ein viertägiges Livemusik-Event, das mit seinen strengen Hygieneauflagen eine Pionierrolle einnimmt. An jedem Spielort des Reeperbahn Festivals checkte man mit einem QR-Code ein und aus, „Hopping“ war diesmal nicht möglich. Entweder wurde man in der Schlange vom knallharten Türsteher abgewiesen – oder dahinter von einer piekfeinen Person bis an den zugewiesenen Stuhl (nicht Tisch) geführt. Zwei Clubs, die sich der Auflagen verweigerten, schieden vorab aus.

          Der Michel ist kein Sänger, hat aber Fans

          Die anderen sieben Clubs, die das diesjährige Festival bestritten, und die Stadt Hamburg sind voneinander abhängig. Das schützt vor einer Benachteiligung gegenüber den staatlichen Kulturhäusern. Bisher konnten sich die Clubs auf das internationale Prestige des 2006 gegründeten Festivals berufen – die „Berlinale und Frankfurter Buchmesse der Musikbranche“, wie Kultursenator Carsten Brosda sagt –, um gegen eine Gentrifizierung des Stadtteils St. Pauli einzutreten. Denn ohne Clubs wäre das Event nicht denkbar. Die Open-Air-Bühnen, die es auf dem Spielbudenplatz und im „Festival-Village“ gab, sind hier nicht die Hauptsache. Stadt und Bund unterstützten die diesjährige Ausgabe deshalb mit einem erhöhten Zuschuss von 1,9 Millionen Euro, was drei Vierteln des Etats entsprach. Nach je 50 000 Besuchern in den Vorjahren kamen in diesem Jahr immerhin achttausend und verteilten sich auf die Spielstätten. Diese dezentrale Struktur wurde zur besonderen Stärke. Zusätzlich schoben sich im Nochtspeicher noch Kamerateams zwischen den Tischen hindurch, um ausgewählte Konzerte auch online zu streamen. Die Videos und die digitale Fachkonferenz wurden aus 37 Ländern abgerufen.

          Den Augen nicht trauen: Das Duo Ätna gewann den „Anchor Award“ 2020.
          Den Augen nicht trauen: Das Duo Ätna gewann den „Anchor Award“ 2020. : Bild: Inferno Events/Stephan Wallocha

          In der Kirche Sankt Michaelis, dem größten Auftrittsort, war ein gutes Zehntel der 2500 Plätze mit Stickern freigegeben, selbst einnehmen durfte man sie nicht. Ältere Damen aus der Gemeinde, alle mit goldenen Kreuzketten, führten die langwierige Einlasszeremonie durch. „Wir brennen für den Michel“, sagte eine von ihnen zur Erklärung. Ohne seine treuen Fans stünde auch das große Haus aus roten Ziegeln vor dem Ruin. Dem Gold und Marmor im Kirchenschiff ist es nicht anzusehen, doch 85 Prozent ihres Budgets nimmt die Gemeinde Sankt Michaelis von Besuchern und jetzt über Spenden ein.

          Erst gegängelt, dann zur Rebellion aufgestachelt

          Entsprechend dankbar empfing man hier sieben Acts des Festivals; zum Beispiel die seit dreißig Jahren aktive Hamburger Band Die Sterne. Bei den Titeln ihres neuen Albums war mal die Realität („Der Palast ist leer“) und mal der Wunsch („Du musst gar nix“) Vater des Gedankens. Andere Botschaften richteten sich nur an Eingeweihte („Der Arsch ist die Message“). Frontmann Frank Spilker, der nicht erst für die barocke Kirche eine Puderperücke trägt, genoss das Echo seiner Stimme. Im grandios sarkastischen Lied „Was hat dich bloß so ruiniert?“ forderte das sakrale Keyboard die fünf Orgeln heraus. Die Antwort, die unter dem Kruzifix geschmettert wurde, lautete: „Dass sie nicht zuhören wollten? Oder nichts glauben? Wollten sie die Wahrheit rauben?“ Der Kontrast zwischen Gassenhauern und Gotteshaus war sehr ergreifend: Wie andächtig dieses Publikum, das eben noch gegängelt und jetzt schon wieder zur Rebellion aufgestachelt wurde, zwischen elektrischen Kerzen und blauen Scheinwerferkegeln lauschte.

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