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Monterey Pop Festival : Sie waren jung und brauchten kein Geld

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Auf der Bühne kannten Milchgesichter keine Kompromisse

Die Musiker sind so jung wie ihr Publikum. In dem Film sehen wir eine Menge Milchgesichter auf der Bühne und davor. Die Protagonisten von Monterey Pop sind 1967 fast ausnahmslos zwischen 20 und 27 Jahre alt, nur John Phillips, Lou Rawls und natürlich Ravi Shankar sind bereits über dreißig. Die wie englische Dandys angezogenen Musiker von The Who waren damals 20, 22 und 23 Jahre alt. Und in diesem Alter ging es ihnen allein um Zerstörung, um Verweigerung, um eine Kriegserklärung an eine Gesellschaft, die sie ablehnten. Sicher, die Attitüde, der Habitus von Monterey und der Hippie-Bewegung waren Liebe, Freundlichkeit und Weltoffenheit. Doch auf der Bühne kannten diese Milchgesichter keine Kompromisse, da ging es ihnen um Unbedingtheit und das, was Ton Steine Scherben ein Jahrzehnt darauf mit dem Slogan „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ belegten.

Die dandyesken Jungs von The Who legten den kürzesten Auftritt mit der größten Zerstörungskraft hin.
Die dandyesken Jungs von The Who legten den kürzesten Auftritt mit der größten Zerstörungskraft hin. : Bild: Picture-Alliance

Hope I die before I get old“, heißt es in „My Generation“ von The Who, den die Band auch in Monterey aufführte und der die traurige Seite der Popkultur der sechziger Jahre spiegelt, denn viel zu viele dieser großartigen Musiker erlebten ihren dreißigsten Geburtstag bekanntlich nicht mehr.

Man kann in der Criterion-Box den kompletten Auftritt von Jimi Hendrix bestaunen, eine atemberaubende Show, lasziv, erotisch, umwerfend. Wie Hendrix, von Brian Jones als „the most exciting guitar player I’ve ever heard“ angekündigt, in scharlachroter Hose, mit ebensolcher Boa und einem rosa Jackett über einer gelb-schwarzen Weste und einem weißen Rüschenhemd, den Haarschopf nur mit einem Apachen-Stirnband versehen, durch seinen Auftritt watet, mit der Gitarre alle möglichen Versionen von Sex betreibt, sie mit den Zähnen spielt und aus ihr ungeahnte Töne hervorlockt, ehe er das Instrument in einem schamanischen Akt anzündet und den ewigen Jagdgründen übergibt, das wird man nie mehr vergessen. Was soll danach für jemanden wie Jimi Hendrix noch kommen? Mit einem Lachen sagt er selbst nach seiner Show: „I think this has gone about as far as it can go.“

Ferienkommunismus in Mecklenburg

Die Hippie- und Pop-Kultur erlebte in dem Ursprungsmythos von Monterey auch schon ihren Höhepunkt. Der glückhafte Moment von Freiheit und Gleichheit, des Ausprobierens, des Subjektwerdens einer ganzen Generation dauerte wenig länger als einen Sommer. Bald übernahm die Kulturindustrie das Geschehen und machte aus Festivals ein Geschäft, wie wir es heute kennen und dessen wir so müde sind.

Doch ganz ist der Geist von Monterey nicht erloschen. In den vergangenen Jahren sind jenseits der Großevents, in denen „Fun ein Stahlbad“ ist, das „die Vergnügungsindustrie unablässig verordnet“, wie Adorno und Horkheimer schrieben, neue Formate entstanden, in denen wieder die Musik im Mittelpunkt steht, etwa beim Primavera Festival in Barcelona, beim Oya in Oslo, in Haldern. Bei einem der größten deutschen Festivals, dem Fusion in Mecklenburg-Vorpommern, wird man keine Sponsoring-Hölle erleben, eher eine Art Parallelgesellschaft, der Veranstalter nennt es „Ferienkommunismus“. Beim Roskilde-Festival, der legendären dänischen Mutter aller europäischen Festivals, kann man unbekannte Bands neben den Headlinern entdecken. Die Gewinne des Roskilde-Festivals, einer Non-Profit-Organisation, an der etwa 25.000 Freiwillige mitarbeiten, werden seit jeher an humanitäre, kulturelle, soziale und ökologische Projekte weitergereicht; seit 1971 waren das über 36 Millionen Dollar. Der Geist von Monterey lebt also durchaus.

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