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Das neue „Black Keys“-Album : Klingt nach Paartherapie in Pastell

Nicht so recht in Stimmung: Dan Auerbach (links) und Patrick Carney von der amerikanischen Band „The Black Keys“ Bild: dpa

„The Black Keys“ haben nach fünfjähriger Duo-Pause mit „Let’s Rock“ ein neues Album veröffentlicht, das wieder wie die alten klingen soll. Nur leider kann Sänger Dan Auerbach mit der eigenen Muskelmusik nicht mithalten.

          Black Keys, 2008, das Album „Attack & Release“, der Song „All You Ever Wanted“, Minute zwei, Sekunde achtzehn: In bluesbleiern bestrichenen Zeilen hat Dan Auerbach zuvor über eine Dame gesungen, deren größter Wunsch es war, jemanden zu finden, der sie freundlich behandelt. Nun will er ihr „Blackbird“ sein und ihr Herz „in Brand setzen“. Das Wort „afire“ singt er mit gespielter Unschuld, ein paar Zupfer auf der Gitarre stolpern nach. Dann bricht etwas los, dass Himmel und Hölle in sich vereint: Die E-Orgel bläst sich zu einem fulminanten Turboakkord auf, während sich eine verzerrte Gitarre mit einem Solo darunterlegt, das über Wohl und Wehe dieser Welt gleichermaßen zu lachen scheint. In den seelischen Eingeweiden des Hörers dürfte danach nicht mehr der geringste Rest Schwärze vorhanden sein. So klingt musikalische Grundreinigung.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war seit den Anfängen der Black Keys um 2002 eine der größten Qualitäten – als Rock gerade wieder begann, sich mit Allüren zu beladen. Ihre Alben „Thickfreakness“ (2003) und „Rubber Factory“ (2004) klangen so, wie Musik von zwei Jungen aus Akron, Ohio klingen kann, wenn sie aus hausgemachtem Schlagwerk (Patrick Carney), Gitarre und Stimme (Auerbach) besteht: Irgendwo zwischen angekohltem Marshmallow, der beim Aufbrechen weiße Fäden zieht, Kellersofakissenunterseite und abgefahrenen Reifen. Doch schon auf „Attack & Release“ sowie auf „Brothers“, das der Band 2010 zum Durchbruch verhalf, hatte sich das Duo vom Minimalismus verabschiedet, klang verspielter, professioneller, aber auch melancholischer. Es gab erste Ermüdungserscheinungen, Tourneen wurden abgesagt, Auerbach und Carney lagen über Kreuz – auch weil Ersterer die Frau des Letzteren verachtete. Nach einem Exkurs ins Psychedelische mit „Turn Blue“ (2014) genehmigten sich Auerbach und Carney ab 2015 eine Auszeit und verfolgten eigene Projekte.

          „Let’s Rock“: angeblich die letzten Worte eines Mörders

          Jetzt, fünf Jahre später, gibt es ein neues, neuntes Album: „Let’s Rock“ – angeblich die letzten Worte des verurteilten Mörders Edmund Zagorski, der 2018 in Nashville, Tennessee auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Ein solcher Stuhl ziert auch das Cover. Kann man geschmacklos finden – die Erwartungen an die Musik schürt es dennoch, will es keine billige Effekthascherei sein. Es beginnt ja auch vielversprechend: Aus der paartherapeutischen Pause macht die Band keinen Hehl: Im Video zur dritten Single-Auskopplung „Go“, die nach Skate-Punk klingt, in dem sich einige Blues-Böen verirrt haben, sitzen beide beim Therapeuten, der ihnen nahelegt, wieder miteinander zu sprechen. Sie wüssten ja, was die Verträge von Warner Music sonst für sie vorsähen. Das werde ihnen nicht gefallen. Später sieht man sie in einer goldfarbenen Limousine vor einem Ashram vorfahren. Dort versagt jede Therapie, erst die drogeninduzierte Halluzination in Form von Geld, das vom Himmel regnet, bringt beide wieder zusammen. Katsching!

          The Black Keys:
„Let’s Rock“.
Nonesuch (Warner)

          Was soll man sagen? Auch die Pressemitteilung, in der beide beschreiben, wie sie sich einander wieder angenähert haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Musik, die nach „Troggs“ (Auerbach) und „Stooges“ (Carney) klingen sollte, vielmehr wie eine verunglückte Wiederbelebung der „Byrds“, „ZZ Top“ und „CCR“ wirkt. Als Eröffnungsstück gibt „Shine a little Light“ mit dem kurzen Heuler zu Beginn ein Versprechen, das weder dieser Song noch die anderen elf halten können. Kraftlose Gesangsstellen im Kontrast mit dominant-saftigen Gitarren machen schon den Einstieg zu einem jener Pop-Rock-Hybriden, der nach dünnen Jungen, mit dicken Brillen hinter zu großen, verstärkten Saiteninstrumenten klingt.

          Auerbachs Nachbar und Erzrivale Jack White dürfte sich beim „Bumm-tschack“ von „Eagle Birds“ in seinem zuvor unbegründeten Vorwurf bestätigt fühlen, dass die Musik der Keys etwas zu sehr nach ihm klinge. In „Lo/Hi“ ebnet der hohle, fast teilnahmslose Gesang die Rauheit und das verwundete Maunzen der E-Gitarre immer wieder ein. Einfühlsame Lichtblicke in „Walk across the Water“ – obgleich man hier die Erschöpfung der vergangenen fünf Jahre zu hören meint – und in „Sit around and Miss You“, was an eine zeitgemäße Version von CCRs „Lodi“ erinnert. Die Sollbruchstelle aber ist Auerbachs Stimme. Sie hat kaum Kraft, die Muskel-Musik aufzufangen. Stattdessen ertrinkt sie im Backround-Gesang von Leisa Hans und Ashley Wilcoxson. Noch das Feuer in „Fire Walk with Me“ wirkt wie jenes durch Glaskästen gebändigte Feuer, das im Frühjahr in den Außenbereichen von mittelmäßigen Restaurants aufgestellt wird. Oder so: Der Marshmallow bleibt weiß, die Sofakissenunterseite wirkt zweifach abgesaugt, und der Reifen ist platt.

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