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Das neue Album von Prince: 20Ten : Wirf dein Talent - wenn du welches hast

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Visionär neuer Vertriebswege: Princes neues Album als Rolling-Stone-Beilage Bild: Archiv

Vorsicht vor diesem Sexprediger und seiner purpurnen Sinnesvernebelungssprühflasche: Das neue Prince- Album, das man nur zusammen mit dem neuen „Rolling Stone“ erwerben kann, klingt fast wie früher und funkelt verführerisch. Aber hält der Inhalt auch stand?

          Für wie gut man das neue Album von Prince befindet, hängt auch davon ab, für wen man diesen Prince eigentlich hält: Für ein ewiges Genie? Einen komischen Kauz? Einen Wichtigtuer? Einen Visionär moderner Vertriebswege? Einen Mann von früher, der ununterbrochen vom Jetzt redet? Einen komischen Onkel in alberner Kleidung? Einen Talentvergeuder? Ein Opfer seines Größenwahns? Einen Pop-Magier, der aus purpurfarbenem Sternenstaub die Zukunft lesen kann? Alles stimmt, und doch ist alles komplizierter.

          Das neue Album des Musikers aus Minneapolis erscheint ausschließlich als Beilage diverser europäischer Zeitungen und Zeitschriften. In Großbritannien lag „20Ten“ am 10. Juli dem „Daily Mirror“ bei, in Deutschland ist es der aktuellen Ausgabe des „Rolling Stone“ beigefügt. Begleitet wird die deutsche Veröffentlichung von einem großartigen Erlebnisbericht des Redakteurs Joachim Hentschel aus den Paisley-Park-Studios: Dieser durfte auf Anweisung des Musikers keinen Mitschnitt des Gesprächs machen, bekam aber ein kleines Privatkonzert geboten. „Wenn du Geld dabei hast - bitte jetzt werfen“, ruft er Hentschel zu, kurz darauf erklärt der Pionier des Download-Vertriebs das Internet für Schnee von gestern.

          Von den Makeln des Spätwerks keine Spur

          Das Album selbst - neun neue Songs und ein versteckter Bonustitel, wie immer fast im Alleingang vom Meister aufgenommen - zeigt Prince im Vollbesitz seiner Princehaftigkeit. Ausgerechnet er, der nicht müde wird zu betonen, wie sehr ihm Rückschau verhasst ist und wie wenig ihn die Erwartungen all derer interessieren, die ihn in den Achtzigern und mit Alben wie „Purple Rain“ oder „Sign O' The Times“ auf seinem Höhepunkt wähnten, ausgerechnet er klingt auf „20Ten“ wie früher, zur Zeit von „Purple Rain“. Alles ist da: die zwischen Üppigkeit und Reduktion pendelnden Arrangements, das Kieksen und Säuseln, das Krächzen und Quengeln, die knarztrockenen, zischenden und schabenden Linn-Drumcomputer-Sounds mitsamt falschen Handclaps, die wattigen Keyboards und die dicht aneinandergepressten Harmoniegesänge.

          Im Vollbesitz seiner Princehaftigkeit: Prince in der Menge

          Von den Makeln des Spätwerks - endlose Jam-Sessions, Funk-Verwaltung, zügellose Epik - keine Spur. Allerdings: Bloß weil „20Ten“ so klingt wie früher, ist es natürlich nicht automatisch auch so gut. Das liegt an einem grundsätzlichen Problem, weniger am Material selbst: Eine Neigung zum allzu Naiven, fast Kindischen und die ein oder andere mürbe Ballade trüben das Gesamtbild. Viele Kritiker, die sich nicht gleich von den großzügigen Dosen aus Prince' purpurner Sinnesvernebelungssprühflasche einlullen lassen mochten, bemängelten an dem Album, die Oberfläche funkele zwar verführerisch, aber die Songs hielten nicht stand. Doch das war schon auf Prince' besten Alben so.

          Lieber hätte man gestaunt

          Schwierig sind kurioserweise vielmehr all die Princeismen. Der Sound seiner Achtziger-Platten gehört ja längst zum Sortiment des popkulturellen Selbstbedienungsladens: Die unterschiedlichsten Musiker haben in den vergangenen Jahren tolle Alben aufgenommen, die sich auf dem Paisley-Park-Sound gründeten. Und nun, nach all den so noblen wie eitlen Verweigerungsinszenierungen und den albernen Namenswechseln, nach all den Zerwürfnissen mit Plattenfirmen und der Distanzierung von Teilen seines allzu unterleibsorientierten Frühwerks, macht auch noch der Erfinder dieses Sounds selbst solch eine Platte: ein Prince-Soundalike-Album.

          Ähnlich verwirrend wäre es gewesen, wenn Bob Dylan Mitte der Achtziger ein Album herausgebracht hätte, auf dem er plötzlich wieder mit seiner höhnischen 66er-Stimme und The Band surreale Schepper-Songs zum Besten gegeben hätte. Die Freude über Prince' stilistische Rückbesinnung hält sich in Grenzen. Lieber hätte man gehört, wie ihm nach Jahren des Ausprobierens, Dudelns und Irrens noch einmal etwas, nun ja, Neues eingefallen wäre. Denn so schön es ist, ihn endlich wiederzuerkennen - noch lieber hätte man mal wieder so richtig über ihn gestaunt.

          Göttliche Momente

          Und trotzdem: Einiges auf „20Ten“ ist famos, etwa das von einem Keyboard-Riff getriebene „Beginning Endlessly“, ein wundervoller Elektro-Funk mit roboterartigem Harmoniegesang. Der Moment, wo am Schluss seine funky Gitarre einsetzt, ist göttlich. Großartig ist das dreckige „Act Of God“, ein fast hingeworfen klingender Pseudo-Lo-Fi-Song, dessen Text amerikanische Banken und Politiker in einen Sack packt. Dazwischen gibt es gute, ordentliche und öde Balladen. Die beste davon, „Future Love Song“, ist eben nicht das, was der Titel verspricht.

          Das letzte Stück, „Everybody Loves Me“, klingt so albern, wie es heißt: Ballerburg-Pop, zu dem man Kinder in Prince-Kostümen durch den Paisley-Park tanzen sieht. Mit Naivität kokettierende Popsongs konnte er früher nun wirklich besser. Ein „Raspberry Beret“ gibt es hier jedenfalls noch nicht, nicht einmal ein „Starfish & Coffee“. Doch dann kommt irgendwann, nach minutenlanger Stille und fast wie zur Entschuldigung, noch der Bonustrack „Laydown“, in dem er auf einem tollen Teppich aus P-Punk und R & B eine ironisierte Version seiner einstigen Sexprediger-Rolle abliefert. Ein ganzes Album in diesem Stil, das wäre etwas gewesen. Aber vielleicht hätte Prince das auch schon wieder zu einfach gefunden.

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