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Neues von Cage the Elephant : Ich hab’ noch eine Hookline im Gehirn

  • -Aktualisiert am

Musikalische Midlife-Crisis? Danach sieht es hier nicht aus: Cage the Elephant Bild: INTERTOPICS/MediaPunch

Immerhin bist du im Radio: Selbst, wenn sie jetzt auch mal sinnfreie Tanz-Songs aufnehmen, sind Cage the Elephant auch mit dem Album „Social Cues“ weiter dabei, den Rock ’n’ Roll zu retten.

          Das ist er wohl, der typische Cage the Elephant-Song: Ein knarzend verzerrter Gitarren-Offbeat, ruhiges Schlagzeug über stimmungsvollen Synthie-Einschüben. Dann eine kratzige, sofort grundsymphatische Stimme, die sich im Ohr einnistet. Gesungen wird von Trennungsschmerz, Kälte und falschem Spiel – der Gegenklang zur betont optimistischen Musik, als Stilmittel.

          Gekonnt ernste Themen und Krisensituationen mit einem Song zu verbinden, der Lagerfeuerromantik und große Gelassenheit ausstrahlt, das haben Cage the Elephant nun seit über zehn Jahren gut drauf. Damit nicht genug, ist da noch in jedem Song etwas Einzigartiges: In diesem Fall eine mitreißende Basslinie, die „Ready to Let Go“ eindeutig zum Herzstück des Albums „Social Cues“ werden lässt.

          Eine Midlife-Crisis nach vier Alben kann heute jeder Band passieren. Viel hat man gesagt, alles einmal ausprobiert. Und auch Cage the Elephant, die seit ihrem ersten Album aus dem Jahr 2008 und dessen Hit „Ain't No Rest for the Wicked“, irgendwie immer die Bürde der Rock-'n'-Roll-Retter Band anhaftete, bleiben davon offensichtlich nicht verschont. Kein Wunder, wenn man seit den ersten Erfolgen und dem Umzug nach London selbst an gutgemeinten Rolling Stones und Beatles-Vergleichen nicht zerbrechen will. Das letzte Album der Band „Tell Me I'm Pretty“ gewann schließlich einen Grammy als bestes Rockalbum. Erwartungen gut erfüllt und was kommt nun? Wer über die Themen des neuen Albums liest, könnte zuerst an Branchengejammer und Nabelschau denken.

          Die Band hat es mittlerweile wieder in die Staaten, nach Nashville, gezogen, man ist zu Sechst. Sänger Matt Shultz, sein Bruder Brad an der Rhythmusgitarre, Schlagzeuger Jared Champion sind das ursprüngliche Gründungstrio. Dazu gesellen sich Leadgitarrist Nick Bockrath, Bassist Daniel Tichenor und Keyboarder Matthan Minster.

          Anders als bei den Gruppen, die nach frühen eigenwilligen Alben versuchen, ihren Stil mit anderen Elementen zu kreuzen und anzureichern, wirkt es bei Cage the Elephant so, als hätten die bisher Punk und Blues-Rock gekonnt abgearbeitet, nur um jetzt mit „Social Cues“ ein Album aufzunehmen, dass wirklich durchweg stimmig und genial individuell ist.

          Wo man auch einsteigt, findet man Ohrwürmer

          Dabei ist der Anfang der Platte nicht unbedingt vielversprechend, denn erst mal ist vor allem etwas nicht da: Der rotzige Punksound. Nach dem unsteten Retro-Opener, Erinnerungen an alte The Strokes-Alben scheinen durch, folgt der Titeltrack „Social Cues“, der Angst und Exzesse der Musiker thematisiert. „Man, at least you're on the radio“ – und tatsächlich ist der Song, vielleicht ja bewusst, sehr gleichförmig und radiotauglich geraten, abgesehen von der glockengleichen Gitarre, die im Hintergrund frohlockt. Dann wird es aber richtig stark.

          In „Black Madonna“ klingt Leadsänger Matt Shultz noch rauh und ungreifbar, wie ein schläfriger Sechzehnjähriger um sieben Uhr im Schulbus, dann in „Skin and Bones“ wie ein Oldschool-Rocker, der zerbrechliche Nähe zulässt. Die süßlichen Streicherarrangements in dieser Ballade brechen im richtigen Moment ab, lassen keinen Kitsch zu und zeugen von der Erfahrung, die die Musiker auf ihrem letzten Akustikalbum gesammelt haben.

          In „Love's the Only Way“ tönt dann die weichste und bezauberndste  Rockstimme der Branche,  in einer weiteren Nuance ihrer auf diesem Album so unglaublichen Diversität. Und bei all diesen Facetten hätte es die vielen Effekte auf derselben nicht so oft gebraucht.

          Ob „Night Running“, in dem Gastmusiker Beck auftritt oder „House of Glass“ mit seinem irren Sog und Tempo, egal wo man in „Social Cues“ einsteigt oder abbricht, es bleibt ein Ohrwurm zurück. Und wenn es nur die Instrumental-Hookline im tanzbaren „Dance Dance“, dem sinnfreiesten und gleichzeitig eingängigsten Song der Platte ist.

          Eine Tradition, mit der Cage the Elephant nicht brechen und die, neben der Qualität des Songwritings, die einzige rote Linie durch alle Alben darstellt: Dem wirren Opener steht mindestens ein nachdenklicher, langsamer Song mit der Tauglichkeit zu Feuerzeugballade gegenüber. Mit „Goodbye“ haben Cage the Elephant ihre erste Piano-Hymne aufgenommen. Aus wabernden Soundwolken steigt hier der fesselnde Chorus empor. Wie in „Ready to Let Go“ ist die Trennung von Matt Shultz von seiner Frau Thema. Doch hier scheint nun tatsächlich auch in der Musik, in einigen nicht aufgelösten Schlüssen, eine gewisse Sentimentalität und Trauer durch.

          Dann also doch vier Minuten gut geschriebene persönliche Nabelschau. Auf diese wenigen Augenblicke begrenzt, wirkt die Intimität noch viel stärker, nicht künstlich, sondern kunstvoll.

          „Social Cues“ ist eine erneute Kollektivleistung Talentierter, die gen Ende in „Tokyo Smoke“ noch klar machen, was mittlerweile auch geht: Gute Rocksongs schreiben, die sich nicht unbedingt auf die typischen Cage the Elephant-Bausteine verlassen. Das Album ist somit das Spannendste, was den Musikern passieren konnte, es vollendet und bricht auf.

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