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Die Fantastischen Vier : Silberhochzeit der Bungalow-Jungs

Michi Beck, Thomas D, And. Ypsilon und Smudo aus Stuttgart Bild: Robert Grischek

Vor 25 Jahren wollten sie einfach Hip Hop aus Stuttgart machen, ohne die schwäbischen Ice Cubes zu geben: Dass deutscher Rap ohne die Fantastischen Vier und ihren Humor ein Ding der Unmöglichkeit wäre, zeigt auch ihr neues Album „Rekord“.

          Mannomann, wie die mal aussahen! Aber jeder sah ja mal irgendwie aus, früher. Logik der Zeit: Man sieht alle paar Jahre auf alten Fotos immer noch ein bisschen doofer aus, als man bislang dachte. Warum sollte das bei Popstars anders sein? Und vor fünfundzwanzig Jahren waren die Fantastischen Vier aus Stuttgart eben ein schwäbischer Albtraum aus komplementärfarbigen Brillen, Zopf, Kapuzenjacken und Pluderhosen. Sie wissen es ja selbst und spielen in ihren Videos damit. Nur die Turnschuhe, die Smudo, Michi Beck, And. Ypsilon und Thomas D. damals trugen, hätte man immer noch gern.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Rekord“ heißt die neue, neunte Platte der Fantastischen Vier, die am 24. Oktober 2014 erscheint (bei Sony/Columbia). Sie feiert die Silberhochzeit der Band, wie die Vier selbst rappen, wunderbarerweise. (Beziehungsweise rappen nur drei der Vier: And. Ypsilon bedient ja die Geräte.) Und wollte man die Band in einem Satz erklären, könnte man zum Beispiel schreiben: Die Fantastischen Vier haben es mit Unbeirrbarkeit, Humor und einem großen Gespür für die Haken, die ein Song schlagen muss, damit ein Hit aus ihm wird, geschafft, dass es heute möglich ist, ein Wort alter Schule wie „Silberhochzeit“ zu rappen. Ganz schön langer Satz. Ganz schön lange Zeit. Vor fünfundzwanzig Jahren war deutscher Rap entweder unvorstellbar oder eine Sache für Spezialisten, die sich nach und nach in Richtungskämpfen um die wahre Weisheit des Hiphop zerlegten. Heute dagegen gibt es kaum einen deutschen Popstar mehr, der nicht vom Hiphop gelernt hätte, wie die große Show geht: Jan Delay zum Beispiel oder Peter Fox.

          Ohne die Fantastischen Vier und ihren Glauben ans Populäre und die Kunst des Entertainments wäre das wohl nicht so gekommen. Die Vier haben deswegen eigentlich mehr mit Thomas Gottschalk zu tun als mit den amerikanischen Rappern, die sie so liebten und lieben. Ihr Hiphop musste auch denen Spaß machen, denen komplett egal war, wer ihn wann und wo erfunden hat. Die Fantastischen Vier waren trotzdem immer auch Spezialisten, aber eben nur zu Hause, vor dem Plattenteller, und nicht auf der Bühne, wo sie das, was sie am amerikanischen Hiphop so bewunderten, erst noch übersetzen mussten in eine neue Form, die sich dann selbständig machte. Es wäre ja auch lächerlich anmaßend gewesen, wenn vier Bungalow-Jungs aus Baden-Württemberg so getan hätten, als wüssten sie aus eigener Erfahrung, wovon Ice Cube oder Chuck D sprechen, wenn sie in Reimen sprechen. Also mussten sich die Vier den Hiphop so zurechtlegen, dass er passte für die Welt, aus der sie kamen und in die sie aufbrachen.

          Bei dieser Übersetzung spielte Humor von Anfang an die Hauptrolle. Und bis heute verfällt man dem Humor als Erstes. „25“, der Auftakt der neuen Platte, ist typisch für die Fantastischen Vier der letzten Jahre: Der Ton, in dem Thomas D, Michi Beck und vor allem Smudo rappen, hat so etwas leicht Staunendes, irgendwo zwischen „Gibtsdochgarnicht!“ und „ui! ui! ui!“ – was den Angebertext, den sie rappen, wie es Rapper halt tun, weil sie ihre eigene Großartigkeit ja selbst kaum fassen können, noch im selben Moment außer Kraft setzt:

          „Thomas, Smudo, Andy, Michi
          rocken die gesamte City
          rocken gottverdammte Hits
          seit 25 Jahren im Biz.“


          Das ist mehr als nur Selbstironie; das ist das Mittel, mit dem die Fantastischen Vier seit so vielen Jahren in einem Biz, das von Jugend lebt, nicht altern.

          Aber nicht alles ist lustig auf „Rekord“, es gibt auch Esoterik wie „Gott ist mein Zeuge“, eine eigentlich rührende, aber stark in Bombast aufgedrehte Hymne eines ergriffenen Vaters, typisch für Thomas D. Ansonsten ist die neue Platte wie immer: Gegen ein Liebeslied stehen sieben andere über die Liebe zum Lied. Wie „Disco“ („In meinem Kopf ist ’ne Disco/ein ganzes Leben lang Disco“) oder „Single“, die beide davon handeln, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Körper und Musik, die Grenzen verschwimmen: Wovon wir rappen, wenn wir von Liebe rappen, ist Musik – und umgekehrt.

          „Rekord“ beginnt mit einem nachgesungenen Sample („25 Years“ von The Catch, wieder mal die Achtziger!), und das ist so schlau, wie es vor Jahren, bei „Troy“, ein Sample der kanadischen New-Wave-Band Martha and the Muffins war. Man kann gar nicht anders, als bei deutschen Rappern erst mal auf den Text zu achten und dann auf die Musik, was bei den Fantastischen Vier auch deswegen schnell passiert, weil die sich bei ihnen selten aufdrängte – andere haben fettere Beats. Die Fantastischen Vier aber sind über die Jahre immer eleganter geworden. Je sicherer sie sich in dem fühlten, was sie taten, desto zurückhaltender wurden sie. Ein Zeichen von Größe.

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