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„Big Love“ von Simply Red : Geistloses vom Geist der Liebe

Wo ist die Wehmut hin? Mick Hucknall von Simply Red Bild: Lorenzo Agius

Zu Mick Hucknalls Gesang konnte man immer so schön reglos auf der Tanzfläche stehen. Im neuen Album von Simply Red, „Big Love“, ist die Musik selbst unbeweglich geworden.

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          Was hat man eigentlich damals gemacht, wenn man Simply Red hörte? Die Älteren werden sich entsinnen: Man hat geknutscht, schon klar, oder ist in regloser Umarmung auf Tanzflächen herumgestanden, während dieser Mick Hucknall in „Holding back the years“ mit sehnsüchtiger Stimme von einer Kindheit voller Demütigungen sang oder in „If you don’t know me by now“ von einer Liebe voller Vorwürfe.

          Das ist jetzt dreißig Jahre her, und Hucknalls Wangen sind inzwischen etwas voller geworden, seine roten Locken fallen in etwas größeren Spiralen etwas schwerer über des Sängers Haupt, die Stimme aber, die Stimme trägt immer noch diese jugendliche Mischung aus matter Wehmut, leisem Trotz und Entschlossenheit in sich, die, unabhängig davon, worüber Hucknall gerade singt, so gut zu dieser großen Sehnsucht passt, die wir Jugend nennen.

          Wir können sie nicht erwidern: „Big Love“ von Simpy Red

          Die Besetzung seiner Band wechselte, ihre Auflösung wurde verkündet, ihre Neugründung nach zwei schlicht unter dem Nachnamen des Sängers herausgebrachten Soloalben vorgenommen, eine große Tournee geplant, verblüfft ein nahender runder Geburtstag der Formation bemerkt. Jetzt ist auch ein neues Album im Handel, „Big Love“ heißt es, versammelt zwölf Eigenkompositionen, wird branchenüblich als Offenbarung für alle Fans verkauft – und ist doch eine Enttäuschung.

          Alles ruht

          Hucknall feiert am 8. Juni seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag. Das Alter steht ihm. Dass er aus ihm keinen Hehl und sich nicht mit der Behauptung unverminderter Jugendlichkeit lächerlich macht, ehrt ihn. Aber die Milde, mit der Hucknall inzwischen singt und komponiert, die musikalische Sorglosigkeit, mit der er seine Schnulzen zwar immer noch an großen Septimen und Nonen aufhängt, jedoch unsanft im Schlager aufsetzen lässt, sobald sie anfangen zu schweben, das Fehlen jedes Hintersinns oder Untertons zeigen eine bedrückende Behäbigkeit.

          Die Stimme kann es nicht retten: Der Sänger ruht in sich und in seinen Liedern, und das ist langweilig. Auch das lyrische Ich seiner Songs ruht ganz in sich. Besingt all die Jahre gemeinsamen Wachsens, beschwört die imaginäre Angesungene, die Sterblichkeit zu vergessen, sie komme früh genug, lässt ein imaginäres Publikum applaudieren, wenn er vom Geist der Liebe singt, und eine samtige Frauenstimme im Hintergrund nach mehr verlangen. Wir haben genug.

          Was soll man nur anfangen mit einer solchen Musik? Zum Knutschen ist sie zu kitschig, zum Zuhören zu einfallslos, selbst zum Stehtanz zu mürbe. Man könnte Werbe-Spots zur Altersvorsorge damit garnieren: Die Sterblichkeit kommt früh genug.

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