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Jazz in der Elbphilharmonie : Wundersame Klangvermehrung

  • -Aktualisiert am

Szenisches Konzert: Das Ensemble Modern bringt das „Eislermaterial“ von Heiner Goebbels zu Gehör. Bild: Luciano Rossetti

Acht Konzerte in der Elbphilharmonie reflektieren die bahnbrechende Ästhetik des Musiklabels ECM. Es zeigt sich, wie gut Jazz, Alte und Neue Musik dort aufgeführt werden können.

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          Niemals wird man ihn im hellblauen Pullover oder mit Jackett, Schlips und weißem Kragen antreffen. Der Mann trägt Schwarz, allenfalls Grau, passend zum wallenden Haarschopf. Manfred Eicher ist ein Purist, vielleicht ein Asket, auf alle Fälle ein Ästhet. Im Kulturstreit des neunzehnten Jahrhunderts zwischen Inhalts- und Formalästhetik, zwischen Wagner und Brahms, hätte er sich an die Seite des Symphonikers gestellt. Oder wäre dem Disput aus dem Weg gegangen. Auch im Kampf um die wahre, nichts als die wahre Avantgarde aus unserer Zeit gehörte er zu den aufrechten Fahnenflüchtigen.

          Tumult und Dogmen widersprechen einfach seinem Naturell und seinem freien Geist. Es prägt auch sein trotzig eigenständiges Plattenlabel ECM, das nun schon ein halbes Jahrhundert lang markante Spuren in der Geschichte musikalischer Schallaufzeichnung hinterlässt, weil es sich stilistisch offen zwischen Jazz, Alter und Neuer Musik bewegt, alles Marktschreierische vermeidet, in seiner spezifischen Präsentation immer erkennbar bleibt und höchste Ansprüche an die handwerkliche Ausführung des Klanggeschehens stellt.

          ECM, das weiß jeder, der einmal eine der mehr als 1500 Produktionen auf den Plattenteller gelegt oder ins CD-Fach geschoben hat, steht für musikalische Exzellenz. Die Leistung des Label-Gründers besteht freilich mehr noch darin, mit seinen Aufnahmen die Faktur wie das Hören von Musik geprägt und verändert zu haben. Produzenten müssen auch Entdecker und Ermöglicher einer Klangkunst sein, die nie oder nie so das Ohr der Öffentlichkeit erreicht hätte. Unter diesem Aspekt kann man Eicher kaum überschätzen.

          Meredith Monk in der Elbphilharmonie

          Keith Jarrett, Chick Corea, Pat Metheny, Manu Katché, Jan Garbarek und die halbe Klangwelt Skandinaviens, eine beachtliche Phalanx zeitgenössischer Komponisten von Arvo Pärt bis Tigran Mansurian, Interpreten von Anja Lechner bis András Schiff, Ensembles vom Keller Quartett zum Trio Mediaeval, auch Künstler wie Jean-Luc Godard kann man als Zeugen aufrufen. Sie alle haben ihre ersten eigenen Aufnahmen oder zentrale und signifikante Werke bei ECM herausgebracht, oft auch Klänge, die niemand der Öffentlichkeit zumuten wollte und die sich dann doch als Bahnbrecher eines neuen musikalischen Bewusstseins entpuppten.

          Widerstand gegen die Klangflut

          Nun hat die Elbphilharmonie in Hamburg eine knappe Woche lang ihren Hausschlüssel an Manfred Eicher übergeben und ihn ermuntert, nach seinen Vorstellungen Künstler von ECM in allen Hallen des Hauses zu präsentieren: ein untrügliches Zeichen für die Wertschätzung, die man dem Münchner Label allenthalben zollt. Bei stets vollen Sälen wurde es eine eindrucksvolle Demonstration der musikalisch-stilistisch-ethnischen Vielfalt von ECM, zudem ein erfreuliches Beispiel für den bisweilen aufkeimenden ästhetischen Widerstand gegen die akustisch aufreizende Klangflut unserer Zeit und schließlich – aus Sicht der Elbphilharmonie – ein Nachweis der Tauglichkeit des großen Saals für extrem sensible Kammermusik, wenn selbst Flageoletts der einsamen akustischen Gitarre Egberto Gismontis bis in die Höhen des letzten Ranges vorzudringen vermögen.

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