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Das Debüt von White Hinterland : Albträume von Pflaumenbäumen

  • -Aktualisiert am

Casey Dienel, das große Singer/Songwriter-Talent von der Ostküste
Bild: Tod Seelie

Folksongs, die alle Türen öffnen: White Hinterland heißt die neue Band von Casey Dienel, einer Dreiundzwanzigjährigen aus Massachusetts, die man schon mit Joni Mitchell und Björk verglichen hat.

          3 Min.

          Man sollte nicht den Fehler begehen, das Debütalbum von White Hinterland als harmlose Kostbarkeit abzutun. Die Cover-Zeichnung mit den großen Grashalmen und den putzigen Wölkchen wirkt zunächst wie eine unschuldige Kinderzeichnung. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass hier ein Zebra von einer Meute Hyänen in Stücke gerissen wird. Dieselbe Doppelbödigkeit besitzt auch die Musik. Was wie ein luftiger Bilderbogen in warmen Pastellfarben daherkommt, entpuppt sich alsbald als komplexe Versuchsanordnung gefährdeter Gefühle. Lieder zum Frieren, Lieder zum Wärmen, mal grün, mal grau – auch wenn das Hinterland weiß erscheint.

          Betörender Sopran

          White Hinterland heißt die neue Band von Casey Dienel. Schon die erste Platte der Dreiundzwanzigjährigen „The Wind-Up Canary“ ließ vor zwei Jahren aufhorchen. Schon damals glaubte man, die Sängerin flüstere einem ganz persönlich streng geheime Informationen zu. Es ist dieser betörende Sopran, der auch dem neuen Album den Ton vorgibt. Mal erinnert sein weiches Wispern an das zarte Rascheln von Blättern an einem uralten Baum, an das weiche Fallen von Blüten, dann wieder an flatternde Vogelstimmen, und plötzlich fühlt man sich in das Chorgestühl einer Kirche versetzt. Anstatt persönliche Texte zu schreiben – „Ich formuliere wenig über mich, autobiographische Geschichten erinnern mich an einen letzten Halt“ –, hält Casey Dienel die Wirklichkeit auf Distanz.

          Bei allem Bilderreichtum macht sie sich die Dinge fremd. Da scheint der Tod eines Freundes in der Metapher eines gestrandeten Wals auf, der nur mehr als Hülle im Museum verbleibt. In dem Lied „Dreaming Of The Plum Tree“ dominiert dagegen hintergründiger Humor: Die Nachbarn im Obergeschoss testen ihre neuen Betten, während die Mitbewohnerin im Stockwerk darunter in den Geräuschen bereits das gewalttätige Ende der Beziehung erahnt.

          Prominente Begleiter

          War ihr Debütalbum noch eine sanfte Introspektion zu elegischer Piano-Begleitung, so eröffnet das neue Werk mit großer Gruppe – eine All-Star-Band aus Portland – ein weites musikalisches Feld: Glockenspiel, Gitarre, Melodika, Mellotron, Violinen, Bläser, Vibraphon, Cello – all diese Instrumente werden punktgenau eingesetzt, um atmosphärische Wechsel und Verdichtungen zu akzentuieren. Oft muss man sich erst durch mehrere Klangschichten hindurchhören, bis man Dienels tänzelnden Gesang inmitten des musikalischen Geschehens identifiziert.

          Rachel Blumenberg, früher Mitglied der Decemberists, ist für die Perkussion verantwortlich, während der Singer/Songwriter Adam Selzer als Gitarrist auch die Produktion besorgte. Dienel wünschte sich von ihm ein Sound-Design, das „an eine quietschende Türangel“ erinnere. Doch trotz gelegentlicher, skrupulös eingestreuter Dissonanzen klingen die Songs, als ließen sich alle Türen und Fenster zur Außenwelt butterweich öffnen.

          Musik zum Anfühlen

          Man hat Casey Dienels Gesang mit
          der Phrasierungsartistik von Joanna Newsom, Björk oder Joni Mitchell verglichen. Auch musikalische Vorläufer wie John Cage oder Alice Coltrane kommen einem in den Sinn. Nicht zu Unrecht, und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Denn Dienels Stimme bleibt bei allem unbeschwerten Glanz verschwiegen. Nicht selten hat man den Eindruck, sie würde sich in den harmonischen Nischen der üppigen Arrangements am liebsten verbergen. Die schimmernden Sätze klingen, als wolle sie diese im Moment ihrer Artikulation schon wieder zurücknehmen.

          Mit vier Jahren bekam Casey Dienel zu Hause in Massachusetts ihren ersten Klavierunterricht, mit vierzehn schrieb sie erste Popsongs. Das Motto ihrer Band namens Helen Keller lautete noch ganz im Sinne eines sentimentalen Teenagers: „Musik zum Anfühlen“. Nach einem kurzen Studium am New England Conservatory in den Fächern Operngesang und Komposition begann sie eigene Lieder zu schreiben.

          Anti-Kriegs-Songs

          Insofern markiert das neue Album mit dem seltsamen Titel „Phylactery Factory“ den Übergang von einer Jugendlichen, die noch ihre eigene Tonlage sucht, zu einer Person, die plötzlich ihre geheimnisvolle Tiefe spürt. Zarte Anti-Kriegslieder stehen jetzt neben luxurierenden Balladen. „Napoleon At Waterloo“ beginnt mit einer fließenden Melodie, die sich durch hohes Gras zu schlängeln scheint, bevor sie in Fahrt kommt und den Hörer in einem rhythmischen Crescendo mitreißt. „Hometown Hooray“ im Stil eines verträumten Jazz-Walzers ist eine bittere Reverenz an die im Irak kämpfenden amerikanischen Truppen: „Die ganze Stadt wird eine Parade veranstalten, wenn du zurückkehrst. Denn keiner hier mag glauben, dass du umsonst gestorben bist.“

          Der Begriff „Phylactery“ meint übrigens eine kleine Schachtel, in der sich vier Gebetszettel befinden. Orthodoxe Juden tragen sie wie ein Amulett, um sich an die Einhaltung der religiösen Gesetze zu erinnern. Doch das Ganze hat mit dem Zauber des Albums nicht das Geringste zu tun. Ob Wiegenlied oder Serenade, ob Tod, Zerstörung oder hoffnungsfrohe Chancen – ein schwereloses Gefühl der Improvisation zieht durch die Lieder. Jazzanklänge, Swing-Momente und Boogie-Woogie-Ahnungen mischen sich mit Reminszenzen an Klassik und Folkrock.

          Man glaubt Casey Dienel aufs Wort, wenn sie ihren Vater als Pop-Liebhaber schildert, der in einem Streit schon mal mit Zitaten aus Jackson-Brown- oder David-Crosby-Songs argumentiert. Auch ihre Songs haben bei aller „Highbrow“-Ästhetik das Zeug zur Gebrauchslyrik: „Ich sehe die Dinge nie schwarzweiß – auch Serienmörder haben beispielsweise Vater und Mutter. Das Leben gleicht eben nicht einem Stück Kuchen, das man sich mal eben nehmen könnte.“

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