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Das Brasilien des Chico Buarque : Vom Geheimnis der Hüften

  • -Aktualisiert am

Chico Buarque in seiner Wohnung in Rio de Janeiro Bild: ddp images

In den sechziger Jahren sang die halbe Welt seinen Hit „A banda“ mit. Seit den Achtzigern schreibt er auch Romane: Ein Gespräch mit Chico Buarque über seine Heimat Brasilien, den Fußball und die Politik.

          6 Min.

          Chico Buarques Wohnung liegt hoch über dem Wohnviertel Leblon; man hat hier einen freien Blick übers Meer und die Bucht von Rio mit ihren Stränden und dem Corcovado. Ähnlich hoch oben in der brasilianischen Kultur steht Buarque als Sänger, Komponist, Theaterschriftsteller und Romancier seit einem halben Jahrhundert. Francisco Buarque de Hollanda (wie er mit vollem Namen heißt) wurde 1944 geboren; er war ein Jahrzehnt jünger als die Erfinder der Bossa Nova, Männer wie Antônio Carlos Jobim oder João Gilberto, die seine Vorbilder waren. Seinen ersten Welterfolg hatte er 1966 mit dem Song „A banda“, seine Fans lieben besonders „Funeral de um lavrador“ und „O que será“. In vergangenen Herbst ist sein Roman „Vergossene Milch“ auf Deutsch erschienen.

          Chico Buarque, stimmt es, dass Sie Fußballprofi werden wollten?

          Ich war ein guter Mittelfeldspieler, à la Maradona oder Platini, und bis 16 oder 17 Jahren habe ich ernsthaft daran gedacht. Ich musste bei Juventus, einem Club in São Paulo, einen Test absolvieren, aber als ich mir meine Konkurrenten ansah, wurde mir klar, dass die Profilaufbahn als Fußballer nichts für mich war. Dennoch spiele ich mit 69 Jahren immer noch zwei oder drei Mal in der Woche Fußball, auf meinem Platz in Barra da Tijuca (einem Wohnviertel im Westen von Rio), zusammen mit ein paar Freunden, von denen einige frühere Berühmtheiten sind: Junior, Zico und bis zu seinem Tod auch Socrates, der bei der Weltmeisterschaft 1982, einer der schönsten aller Zeiten, das Rückgrat der brasilianischen Mannschaft bildete. Und wenn ich in Paris bin, spiele ich im Bois de Vincennes. Ich komme ohne Fußball nicht aus.

          Unterstützen Sie immer noch den FC Fluminense, den Club der Eliten von Rio?

          Immer noch, aber weniger als früher. Der Club ist dekadent, er hat nichts mehr mit der großen Mannschaft der 1950er Jahre gemein, wie übrigens der ganze brasilianische Fußball . . .

          Aber die Seleção, die brasilianische Auswahl, macht doch eine gute Figur . . .

          Ich spreche von der brasilianischen Meisterschaft. Bis Anfang der 1980er Jahre waren die brasilianischen Mannschaften sehr stark, weil die besten Spieler ihre Entwicklung in Brasilien gemacht hatten. Aber seit dem Beginn der Globalisierung im Fußball werden die brasilianischen Clubs geplündert, die besten Spieler systematisch verkauft und selbst Kinder von 13 bis 14 Jahren schon transferiert. Die Nationalmannschaft ist stark, aber manche Spieler sind hier fast unbekannt, weil sie nie in Brasilien gespielt haben.

          Gehört Neymar, die Perle der Seleção, in die Reihe der ganz Großen wie Garrincha, Pelé, Zico und Ronaldo?

          Es ist etwas früh, das zu sagen, aber ich denke schon. Er ist außergewöhnlich. Er ist ein Erfinder, ein hervorragender Dribbler, aber nicht nur das. Ich glaube, dass er auch Köpfchen hat.

          Worin liegt das Geheimnis der brasilianischen Dribbelkünstler?

          Im schwarzen Swing. Die größten Dribbler waren, mit wenigen Ausnahmen, sämtlich Schwarze. In der Geschmeidigkeit der Hüften und Füße kommen sie an die der Sambatänzer heran. Das liegt ihnen im Blut. Beim Dribbeln besitzt der Körper gewissermaßen Geistesgegenwart. Man erinnere sich an Pelés Finte vor Mazurkiewicz, dem Torwart der Mannschaft aus Uruguay im Halbfinale der Weltmeisterschaft in Mexiko. Pelé berührt den Ball gar nicht und umläuft den Torwart, der mit einem Dribbling gerechnet hat. Ein Geniestreich! Schon mit sechs Jahren sind die Jungs in den Favelas zu solchen Verrücktheiten fähig. Aber der Hang der Brasilianer zum Dribbeln geht manchmal auch zu weit und kann ins Gegenteil umschlagen. Das ist unsere Malandro-Kultur. Der für Rio so typische Malandro ist ein Schlaukopf und Spieler. Er ist geschmeidig, er tänzelt und täuscht, bewegt sich an der Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Legalität und Illegalität. Die Münze kann auf die gute wie auf die schlechte Seite fallen. Der Malandro ist ein schlauer Fuchs, ein gesellschaftlicher Dribbler. Das Dribbeln gehört zur brasilianischen Kultur.

          Paulo César Caju, Bob Marley und Chico Buarque im Jar 1980

          Welcher große Spieler verkörpert in Ihren Augen die Figur des Malandro?

          Romário, o baixinho (der Kleine). Auf dem Platz war er von außergewöhnlicher Verschlagenheit. Romário beherrschte das ganze Repertoire des Malandro, und er liebte es, das Leben zu genießen.

          Aber heute ist Romário Abgeordneter der Sozialistischen Partei Brasiliens.

          Das beweist ja gerade sein gewaltiges Talent zum Malandro. (Er lacht.) Romário sagt ganz ernste Dinge, aber ich frage mich immer, ob man ihm das glauben soll.

          Und Pelé?

          Nein, Pelé war derart überlegen, dass er die Tricks des Malandro nicht nötig hatte. Er war ein fabelhafter Athlet. Garrincha, ohne Zweifel der beste Dribbler der Geschichte, war ebenfalls kein Malandro. Er war zu naiv und zu genial. Er spielte nur aus Spaß am Spiel. Heute wäre ein Spieler wie Garrincha ganz unvorstellbar. Der Rock ’n’ Roll im Profifußball, das ist vorbei.

          Als letzte Woche Flamengo Pokalmeister wurde, habe ich in den Straßen von Rio irrsinnige Szenen erlebt. Woher kommt diese Leidenschaft für den Fußball?

          Das brasilianische Volk ist kindlich und verspielt, und der Fußball verbindet uns mit unserer Kindheit. Nicht alle kleinen Brasilianer gehen zur Schule, aber alle spielen Fußball, am Strand oder irgendwo auf der Straße. Zum Fußballspielen braucht man nichts. Beim Fußball sind alle gleich, Reiche und Arme, Weiße, Mischlinge und Schwarze. Jede Hierarchie verschwindet. In Rio treffen sich am Strand von Flamengo jede Nacht von zwei bis drei Uhr morgens Kellner oder Künstler, um zum Spaß gegeneinander zu spielen. In Brasilien ist der Fußball Demokratie und vielleicht sogar die einzige Demokratie, die hier wirklich funktioniert.

          Das Stadion in São Paulo ist teilweise zusammengestürzt. Wird Brasilien in einem halben Jahr bereit sein für die Weltmeisterschaft?

          In Brasilien herrscht immer Chaos. Aber in letzter Minute werden wir bereit sein, und Sie können mir glauben, nächstes Jahr im Juni kann das Fest beginnen.

          Meinen Sie, es wird wieder zu sozialen Unruhen kommen wie im letzten Juni beim Confederations Cup?

          Das ist möglich, aber es wird die Weltmeisterschaft nicht behindern. Die Menschen hier sind sehr empört über die Fifa und ihre exorbitanten Forderungen. Ich auch. Wegen der Fifa hat das Maracana seinen Charakter verloren und unterscheidet sich nicht mehr von anderen Stadien, zum Beispiel in München oder Lissabon. Es fasst nur noch 70.000 Zuschauer, sämtlich Sitzplätze, gegenüber 200.000 früher. Die Eintrittspreise sind in die Höhe geschossen, und deshalb findet sich dort nicht mehr dasselbe Publikum. Die Tribünen ganz unten im Stadion, gleich am Spielfeldrand, sind verschwunden. Dort sah man zwar nur die Beine der Spieler, aber es war ein ganz besonderes Ambiente. Die Fifa hat dem Fußball die Würze genommen, und niemand kann sie daran hindern.

          Haben Sie als Figur des Widerstands gegen die Militärdiktatur (1964 bis 1985) sich mit der Jugend identifiziert, die im Juni in so großer Zahl auf die Straße gegangen ist?

          Ich bin ihnen gefolgt, als sie gegen die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr in São Paulo protestierten. Ebenso in Rio, weil die Arbeit der Stadtverwaltung und des Gouverneurs der Region äußerst zweifelhaft ist. Danach hat man die Bewegung vereinnahmt, um gegen Staatspräsidentin Dilma zu protestieren. Ich verstehe den Zorn auf die Korruption, aber die Korruption ist nicht nur ein Problem Brasiliens und auch nicht nur dieser Regierung . . .

          Buarque, 1966

          Das ändert nichts daran, dass Dilma Rousseff und die Arbeiterpartei zahlreiche Sympathisanten der Linken enttäuschen . . .

          Es gibt in Brasilien heute nicht mehr Korruption als früher . . .

          Aber auch nicht weniger . . .

          Das System ist korrupt. In Brasilien kann man sich nicht an der Macht halten ohne Malandrade, diese Grauzone zwischen Gut und Böse. Sie sehen, wir kommen immer wieder auf die Figur des Malandro zurück. Lula, der bei der Präsidentschaftswahl immerhin dreimal scheiterte, musste auf gewisse Prinzipien verzichten, um dieses höchste Amt zu erreichen. Er hat sich auf bedauerliche Bündnisse eingelassen, das ist Politik. Ich gehöre nicht der Arbeiterpartei an, aber ich habe Lula und Dilma gewählt, und ich werde mangels verlockender Alternativen auch bei den nächsten Wahlen für sie stimmen. Die extreme Linke ist keine Alternative.

          Sie haben Dilma nichts vorzuwerfen?

          Doch, ihre Umweltpolitik enttäuscht mich sehr. Sie ist besessen von der wirtschaftlichen Entwicklung und kümmert sich nicht sonderlich um die Umwelt.

          Und die Machenschaften der Militärpolizei? Die Repression der letzten Monate lässt an finstere Bilder aus der Diktatur in den 1960er Jahren denken . . .

          Ich habe die Schlagstöcke der Militärpolizei damals selbst kennengelernt. Wenn ich die martialischen Gesänge der Militärpolizisten unten vor meiner Wohnung am Strand von Leblon höre, ist das erschreckend. Die Militärpolizei macht sich hauptsächlich über Schwarze her, obwohl sie größtenteils aus Schwarzen und Mischlingen besteht. Die Gewalt, die sie in den Gefängnissen ausübt, ist unerhört. Ich glaube, der Kult der Gewalt ist ein Erbe des Kaiserreichs und der Kolonialzeit und mehr noch der körperlichen Gewalt, denen die Sklaven ausgesetzt waren. Die Militärpolizei ist ein Staat im Staate, das Ergebnis einer stillschweigenden Allianz zwischen der Polizei, bestimmten Eliten und der Macht, die sich nur schwer zerschlagen lässt, und die Arbeiterpartei hat nichts daran geändert.

          In den 1960er Jahren haben Sie Apesar de você („Dir zum Trotz“) komponiert, die Hymne des Widerstands gegen die Diktatur. Haben die Demonstrationen dieses Jahres Sie zu einem neuen Lied inspiriert?

          Nein. Aus einem guten und einfachen Grund: Wer ist heute dieses você - dieses Du? Der Gouverneur von Rio? Die Fifa? Dilma? Die Polizeigewalt? Der öffentliche Nahverkehr? Das Bildungssystem? Es gibt kein „Du“, keinen klar identifizierbaren Gegner mehr. Wir kämpften damals gegen die Diktatur. Es war ein Lied für die Freiheit. Nun haben wir die Freiheit. Und auch Demokratie, wenn auch eine unvollkommene. Meine Generation hatte ein Gesellschaftsprojekt für ganz Lateinamerika, nicht nur für Brasilien. Wir sind gescheitert. Heute müssen wir uns an die Realität anpassen und die Nischen besetzen, die sich uns bieten.

          Sie erinnern mich fast an die Hauptfigur in Ihrem letzten Roman „Vergossene Milch“. Eulelio Montenegro, dieser von der Geschichte Brasiliens gebeutelte Hundertjährige, sind Sie das?

          Ganz und gar nicht. Aber mit der Zeit bin ich pragmatisch geworden. Ein brasilianisches Sprichwort sagt, man solle nicht wegen vergossener Milch weinen.

          Aber Sie werden weinen, wenn Brasilien nicht die Weltmeisterschaft gewinnt?

          Der Sieger wird zwischen uns, Spanien, Deutschland und Argentinien ausgemacht werden, und natürlich möchte ich, dass Brasilien gewinnt. Ich war sechs Jahre alt, als Brasilien 1950 im Maracana-Stadion die erste im eigenen Land ausgetragene Weltmeisterschaft gegen Uruguay verlor. Ich erinnere mich heute noch an die Stimme des Sprechers im Radio, als er das zweite Tor für Uruguay bekanntgab. Ein berühmter Kommentator hat geschrieben, das sei die größte Tragödie in der brasilianischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gewesen. Brasilien und ich verdienen es nicht, ein zweites Mal solch ein Trauma zu erleben.

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