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Das Brasilien des Chico Buarque : Vom Geheimnis der Hüften

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Das System ist korrupt. In Brasilien kann man sich nicht an der Macht halten ohne Malandrade, diese Grauzone zwischen Gut und Böse. Sie sehen, wir kommen immer wieder auf die Figur des Malandro zurück. Lula, der bei der Präsidentschaftswahl immerhin dreimal scheiterte, musste auf gewisse Prinzipien verzichten, um dieses höchste Amt zu erreichen. Er hat sich auf bedauerliche Bündnisse eingelassen, das ist Politik. Ich gehöre nicht der Arbeiterpartei an, aber ich habe Lula und Dilma gewählt, und ich werde mangels verlockender Alternativen auch bei den nächsten Wahlen für sie stimmen. Die extreme Linke ist keine Alternative.

Sie haben Dilma nichts vorzuwerfen?

Doch, ihre Umweltpolitik enttäuscht mich sehr. Sie ist besessen von der wirtschaftlichen Entwicklung und kümmert sich nicht sonderlich um die Umwelt.

Und die Machenschaften der Militärpolizei? Die Repression der letzten Monate lässt an finstere Bilder aus der Diktatur in den 1960er Jahren denken . . .

Ich habe die Schlagstöcke der Militärpolizei damals selbst kennengelernt. Wenn ich die martialischen Gesänge der Militärpolizisten unten vor meiner Wohnung am Strand von Leblon höre, ist das erschreckend. Die Militärpolizei macht sich hauptsächlich über Schwarze her, obwohl sie größtenteils aus Schwarzen und Mischlingen besteht. Die Gewalt, die sie in den Gefängnissen ausübt, ist unerhört. Ich glaube, der Kult der Gewalt ist ein Erbe des Kaiserreichs und der Kolonialzeit und mehr noch der körperlichen Gewalt, denen die Sklaven ausgesetzt waren. Die Militärpolizei ist ein Staat im Staate, das Ergebnis einer stillschweigenden Allianz zwischen der Polizei, bestimmten Eliten und der Macht, die sich nur schwer zerschlagen lässt, und die Arbeiterpartei hat nichts daran geändert.

In den 1960er Jahren haben Sie Apesar de você („Dir zum Trotz“) komponiert, die Hymne des Widerstands gegen die Diktatur. Haben die Demonstrationen dieses Jahres Sie zu einem neuen Lied inspiriert?

Nein. Aus einem guten und einfachen Grund: Wer ist heute dieses você - dieses Du? Der Gouverneur von Rio? Die Fifa? Dilma? Die Polizeigewalt? Der öffentliche Nahverkehr? Das Bildungssystem? Es gibt kein „Du“, keinen klar identifizierbaren Gegner mehr. Wir kämpften damals gegen die Diktatur. Es war ein Lied für die Freiheit. Nun haben wir die Freiheit. Und auch Demokratie, wenn auch eine unvollkommene. Meine Generation hatte ein Gesellschaftsprojekt für ganz Lateinamerika, nicht nur für Brasilien. Wir sind gescheitert. Heute müssen wir uns an die Realität anpassen und die Nischen besetzen, die sich uns bieten.

Sie erinnern mich fast an die Hauptfigur in Ihrem letzten Roman „Vergossene Milch“. Eulelio Montenegro, dieser von der Geschichte Brasiliens gebeutelte Hundertjährige, sind Sie das?

Ganz und gar nicht. Aber mit der Zeit bin ich pragmatisch geworden. Ein brasilianisches Sprichwort sagt, man solle nicht wegen vergossener Milch weinen.

Aber Sie werden weinen, wenn Brasilien nicht die Weltmeisterschaft gewinnt?

Der Sieger wird zwischen uns, Spanien, Deutschland und Argentinien ausgemacht werden, und natürlich möchte ich, dass Brasilien gewinnt. Ich war sechs Jahre alt, als Brasilien 1950 im Maracana-Stadion die erste im eigenen Land ausgetragene Weltmeisterschaft gegen Uruguay verlor. Ich erinnere mich heute noch an die Stimme des Sprechers im Radio, als er das zweite Tor für Uruguay bekanntgab. Ein berühmter Kommentator hat geschrieben, das sei die größte Tragödie in der brasilianischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gewesen. Brasilien und ich verdienen es nicht, ein zweites Mal solch ein Trauma zu erleben.

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