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Das Brasilien des Chico Buarque : Vom Geheimnis der Hüften

  • -Aktualisiert am
Paulo César Caju, Bob Marley und Chico Buarque im Jar 1980

Welcher große Spieler verkörpert in Ihren Augen die Figur des Malandro?

Romário, o baixinho (der Kleine). Auf dem Platz war er von außergewöhnlicher Verschlagenheit. Romário beherrschte das ganze Repertoire des Malandro, und er liebte es, das Leben zu genießen.

Aber heute ist Romário Abgeordneter der Sozialistischen Partei Brasiliens.

Das beweist ja gerade sein gewaltiges Talent zum Malandro. (Er lacht.) Romário sagt ganz ernste Dinge, aber ich frage mich immer, ob man ihm das glauben soll.

Und Pelé?

Nein, Pelé war derart überlegen, dass er die Tricks des Malandro nicht nötig hatte. Er war ein fabelhafter Athlet. Garrincha, ohne Zweifel der beste Dribbler der Geschichte, war ebenfalls kein Malandro. Er war zu naiv und zu genial. Er spielte nur aus Spaß am Spiel. Heute wäre ein Spieler wie Garrincha ganz unvorstellbar. Der Rock ’n’ Roll im Profifußball, das ist vorbei.

Als letzte Woche Flamengo Pokalmeister wurde, habe ich in den Straßen von Rio irrsinnige Szenen erlebt. Woher kommt diese Leidenschaft für den Fußball?

Das brasilianische Volk ist kindlich und verspielt, und der Fußball verbindet uns mit unserer Kindheit. Nicht alle kleinen Brasilianer gehen zur Schule, aber alle spielen Fußball, am Strand oder irgendwo auf der Straße. Zum Fußballspielen braucht man nichts. Beim Fußball sind alle gleich, Reiche und Arme, Weiße, Mischlinge und Schwarze. Jede Hierarchie verschwindet. In Rio treffen sich am Strand von Flamengo jede Nacht von zwei bis drei Uhr morgens Kellner oder Künstler, um zum Spaß gegeneinander zu spielen. In Brasilien ist der Fußball Demokratie und vielleicht sogar die einzige Demokratie, die hier wirklich funktioniert.

Das Stadion in São Paulo ist teilweise zusammengestürzt. Wird Brasilien in einem halben Jahr bereit sein für die Weltmeisterschaft?

In Brasilien herrscht immer Chaos. Aber in letzter Minute werden wir bereit sein, und Sie können mir glauben, nächstes Jahr im Juni kann das Fest beginnen.

Meinen Sie, es wird wieder zu sozialen Unruhen kommen wie im letzten Juni beim Confederations Cup?

Das ist möglich, aber es wird die Weltmeisterschaft nicht behindern. Die Menschen hier sind sehr empört über die Fifa und ihre exorbitanten Forderungen. Ich auch. Wegen der Fifa hat das Maracana seinen Charakter verloren und unterscheidet sich nicht mehr von anderen Stadien, zum Beispiel in München oder Lissabon. Es fasst nur noch 70.000 Zuschauer, sämtlich Sitzplätze, gegenüber 200.000 früher. Die Eintrittspreise sind in die Höhe geschossen, und deshalb findet sich dort nicht mehr dasselbe Publikum. Die Tribünen ganz unten im Stadion, gleich am Spielfeldrand, sind verschwunden. Dort sah man zwar nur die Beine der Spieler, aber es war ein ganz besonderes Ambiente. Die Fifa hat dem Fußball die Würze genommen, und niemand kann sie daran hindern.

Haben Sie als Figur des Widerstands gegen die Militärdiktatur (1964 bis 1985) sich mit der Jugend identifiziert, die im Juni in so großer Zahl auf die Straße gegangen ist?

Ich bin ihnen gefolgt, als sie gegen die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr in São Paulo protestierten. Ebenso in Rio, weil die Arbeit der Stadtverwaltung und des Gouverneurs der Region äußerst zweifelhaft ist. Danach hat man die Bewegung vereinnahmt, um gegen Staatspräsidentin Dilma zu protestieren. Ich verstehe den Zorn auf die Korruption, aber die Korruption ist nicht nur ein Problem Brasiliens und auch nicht nur dieser Regierung . . .

Buarque, 1966

Das ändert nichts daran, dass Dilma Rousseff und die Arbeiterpartei zahlreiche Sympathisanten der Linken enttäuschen . . .

Es gibt in Brasilien heute nicht mehr Korruption als früher . . .

Aber auch nicht weniger . . .

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