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Neues Album von Alvvays : Kassette, 36 Jahre später

Weggetragen von der Musik: Molly Rankin, Sängerin und Gitarristin der Band Alvvays Bild: picture alliance/AP Photo

Indie-Pop für eine neue Generation: Die Songs auf dem neuen Album „Blue Rev“ von Alvvays klingen, als wären sie immer schon dagewesen. Ein weiterer Beweis, dass die Kanadier zu den prägenden Bands unserer Zeit gehören.

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          Selten lässt sich die Geschichte eines Musikgenres so klar mit einem Ereignis verbinden wie im Fall des Indie-Pops. Vor sechsunddreißig Jahren gab die englische Musikzeitschrift „NME“ eine Kassette mit Songs neuer Bands von Independent-Labels heraus. Der Sound war neu und alt zugleich: verzerrte Gitarren, punkig, schwelgerisch, verliebt in Melodien. Bands wie The Wedding Present, Primal Scream, The Pastels und McCarthy (Vorläufer von Stereolab) blieben dieser Formel treu oder erweiterten sie und wurden berühmt.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das kanadische Quintett Alvvays hat Anfang der Zehnerjahre unmittelbar an diese ergiebige Kulturszene angeknüpft. Schon nach seiner ersten EP tourte es mit der schwedischen Band Peter Bjorn and John und Pains of Being Pure at Heart. 2014 erschien sein selbst benanntes Debüt mit der Single „Archie, Marry Me“, die zu einem Kulthit wurde.

          Intensiv, melancholisch, optimistisch

          Die Songschreiber Molly Rankin, Tochter des Bandleaders der Celtic-Folk-Formation The Rankin Family, und Alec O’Hanley verarbeiteten Fragen rund um ihr Erlebnis, dass immer mehr Freunde heirateten. Die Platte war eine Sammlung kleiner Gitarrenpop-Perlen. Sie er­schien wie alle drei bisherigen Al­ben auf dem Independent-Label Polyvinyl (Of Montreal, Anamanaguchi). Rankins Gesang vermittelte zwischen Lakonie und Euphorie, dazu forscher Gitarren-Powerpop. Die Produktion war äußerst sparsam. Die Anhängerschaft wuchs.

          Ihr zweites Album „Antisocia­lites“ überraschte damit, dass es dieselbe Intensität drei Jahre später ohne jeglichen Verlust im Songwriting wieder erreichte. Die beiden Auftaktsongs „In Undertow“ oder „Dreams Tonite“ entführten ihre Hörer sofort wieder in diese melancholische und zugleich doch optimistische Indie-Pop-Welt. Etwas sauberer produziert, war es ein kleiner Schritt in Richtung Mainstream, ohne irgendetwas vom Charme des Debüts einzubüßen. Hohe Anteile von Punk, ein nur 32 Minuten langer Melodien-Reigen, der auf der britischen Insel erfolgreicher war als in der kanadischen Heimat und in den Vereinigten Staaten.

          Im Anschluss aber verlor die Band zunächst ihren Schlagzeuger, dann ihren Bassisten und Rankin überdies einen Laptop mit fortgeschrittenen Songskizzen, die während der Pandemie ausgearbeitet werden sollten. Die Veröffentlichung von „Blue Rev“ zog sich länger als geplant. Nun ist das dritte Album in acht Jahren da, und verrückterweise klingen ihre außer dem C86-Sampler auch an Teenage Fanclub, den Smiths und Pavement geschulten Songs wie schon immer da gewesen. „Tom Verlaine“ spielt auf die Coolness des Television-Gitarristen an, „After the Earthquake“ und „Many Mirrors“ sind hymnischer Gitarrenpop, immer mal kommt wie in „Pomeranian Spinster“ eine unwiderstehliche Keyboard-Melodie durch. „Blue Rev“ ist somit ein weiterer Beleg, dass Alvvays eine prägende Band unserer Epoche sind.

          Alvvays: „Blue Rev“. Pias/Transgressive (Rough Trade)

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