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Album von Daniel Haaksman : Tanze Samba die ganze Nacht

  • -Aktualisiert am

Selfie-Grüße aus Berlin: Daniel Haaksman spielt den Touristen in der eigenen Stadt Bild: Lukas Gansterer

Wie würden „musikalische Postkarten aus dem Berlin von heute“ klingen? Der Musiker und DJ Daniel Haaksman glaubt: Nach einer Mischung aus Dub, Trap, Afrobeats und brasilianischen Sounds.

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          Berlin hält dieses Album nicht zusammen. Es seien zwar „musikalische Postkarten aus dem Berlin von heute“, die Haaksman auf seinem dritten Studioalbum „With Love, from Berlin“ veröffentlicht habe, heißt es. Doch der Musiker und DJ bestimmt die Hauptstadt, wenn überhaupt, ex negativo. Das Etikett „Berlin“ als Zentrum kreativer Fluktuationsbewegungen ist dabei verzichtbar, im Grunde nutzt er es vor allem zur Vermarktung. Viel interessanter als der vielbesungene Ort der künstlerischen Zusammenkunft von Haaksman und seinen musikalischen Gästen sind die Einflüsse, die diese mitbringen.

          Die kommen nämlich aus aller Welt. Sie sind alles, was Berlin nicht ist. Und anders als im Pop mittlerweile oftmals vorgeführt, sind die musikalischen Spielarten, die der Produzent zu neun Songs verwebt, hier nicht ortlos. Man hört ihnen ihre Herkunft an, ihr Reisen, ihre Ruhelosigkeit. War Daniel Haaksman für seine letzte Platte „African Fabrics“ noch selbst unterwegs in Mosambik und Angola, hat er sich selbst nun nicht mehr fortbewegen müssen aus seiner Wahlheimat, der Kreativstadt, der Weltstadt, wo angeblich alles ineinander fließe, was zunächst nicht zusammengehörte.

          Ob das stimmt, ist fraglich, wo doch so viele Bilder von Berlin auch nebeneinander und gegeneinander laufen. Etwa die Bilder der Touristen, die sich von denen der Künstler unterscheiden, die sich von denen der einheimischen Künstler unterscheiden. Haaksman ist selbst eine Ansammlung verschiedener Rollen, vom Kurator für zeitgenössische Kunst über den Produzenten und den Musikjournalisten bis zum DJ. Das Multitalent hat eine Assemblage erschaffen, die einem die Illusion vom Schmelztiegel Berlin tatsächlich glaubhaft macht.

          Anders als in den nuller Jahren, als er vom Remixen, Samplen und Kompilieren in Zusammenarbeit mit Shantel für das gemeinsame Essay Label mit der Zeit zu seiner eigenen Musik fand, klingt „With Love, From Berlin" nun nicht mehr nach Balkan-Party oder sogenannter „Weltmusik“, übersetzt in westlich-urbanen Elektro. Wie viel Feingefühl diese Balance erfordert, belegt die Masse an Genres und Subgenres, die hier virtuos verquarkt sind: In einzelnen Songs kombiniert Daniel Haaksman Baile Funk, den er einst selbst umgedeutet hat, mit Dub, Afrobeats und selbstverständlich Trap, dessen Sound derzeit auf kaum einer Popplatte mehr fehlt. Neben der vielen globalen Perspektiven, die Haaksmans Tracks bestimmen, prägen auch sein drittes Album wieder brasilianische Einflüsse.

          Etwa auf dem leichtfüßig tröpfelnden Lied „La Añoranza“ (span.: Die Sehnsucht), gebaut mit dem Duo Dengue Dengue Dengue aus Peru, dem israelischen Jazzsaxofonisten Ori Kaplan, sehnsüchtig gesprochen und gesungen von der mexikanischen Sängerin Coco Maria. Im Video zum Song spaziert, radelt, telefoniert diese durch Berlin, schmunzelnd vor Heimweh, Fernweh oder Liebeskummer. Am Ende hält sie nicht nur Postkarten in die Kamera, auf denen Haaksman als alter, weißer Tourist auf Segways posiert, sondern auch eine Platte mit dem Titel „Na Gira Do Preto Velho“. Dieser Ausdruck ist kaum ins Deutsche zu übersetzen, denn er bezieht sich auf ein kultisches Ritual, die Zusammenkunft der „Schwarzen Alten“. Auf dem Plattencover sind zwei weißhaarige Schwarze zu sehen, in weißen Gewändern sitzen sie da und ziehen an ihren Pfeifen.

          Mit religiöser Kraft?

          In der Religion Umbanda, einer spirituellen Melange aus dem aus Europa importierten Christentum und dem aus Westafrika importierten Candomblé gehören die alten, rauchenden Schwarzen zu den wichtigsten mystischen Figuren. Sie sind Heilige, die Geistwesen der einstigen Sklaven. Die Anhänger der Umbanda sehen diese als den Weißen unterlegen an und ziehen zugleich aus der symbolischen Umkehrung dieser angenommenen Minderwertigkeit all ihre religiöse Kraft. Die Musik auf der Platte „Na Gira Do Preto Velho“  erinnert an eine Mixtur aus dem nordbrasilianischen Tanz Carimbó einerseits und andererseits an eine folkloristische Version der Afro-Sambas von Baden Powell. Sie dürfte in traditionellen „terreiros“, den Umbanda-Kulthäusern zum Gebet und Tanz aufgelegt werden.

          Diese musikalische Inspiration und spirituellen Bezüge, die Haaksman und Coco Maria dem Zuschauer vor die Nase halten, lassen den Vorwurf der „Cultural Appropriation“ jedoch nicht zu. Nicht nur, weil der in Rom geborene Haaksman die Menschen und Orte kennt, die seine Musik beeinflussen oder gar mitgestalten. Sondern vor allem, weil seine detailliert produzierten Songs als Gefüge funktionieren, die eben nicht nach Berlin gebracht wurden oder in Berlin heimisch sind, sondern im besten Sinne ortlos, immer in Bewegung begriffen. Und dementsprechend klug und feinnervig hören sich seine Ergebnisse letztlich an.

          So auch die „Overture“, die mit 2:55 Minuten das einzige Lied unter drei Minuten ist und eines der wenigen ohne transkulturelle Beteiligung. Wenn hier zu den larmoyant-getragenen Streichern mal wieder ein schwerer elektronischer Bass einsetzt, fühlt man sich nur ganz kurz an David Garrett erinnert, denn die Kurve vor dem Kitsch kriegt Haaksman noch, überraschenderweise selbst auf „Love Horns“, wo Trompeten und Querflöten sich zu einer schwermütigen Ballade zusammentun, die ihresgleichen sucht.

          Den Gläubigen der Umbanda gilt Sprache als Glied zwischen materiellen und immateriellen Welten. „With Love, from Berlin“ verbindet den Hörer zumindest mit der Sehnsucht nach einer immateriellen Welt. Haaksmans Sprache hierfür sind zart rollende, elektronisch-akustische Rhythmen und nicht zuletzt die bezaubernden Stimmen von Cibelle und Coco Maria. Mit dieser hybriden Sehnsucht – ist sie es, die das Album zusammenhält? – lässt Berlin sich aushalten.

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