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Deutsche Musik auf Italienisch : Amore endlich

Besingen „La dolce vita“: Steiner & Madlaina Bild: Universal

Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn: Die Crucchi Gang macht aus deutschem Liedgut Italopop. Ist das anbiedernd oder der Beginn einer neuen Völkerverständigung?

          3 Min.

          Wer sich jetzt, an einem der letzten lauen Abende dieses Sommers, den Empfehlungen des Spotify-Algorithmus anvertraute, konnte unverhofft diesem Lied begegnen: Es klingt entspannt und passt zur Rosé-Stimmung, nur die gesungene Sprache erscheint rätselhaft: offenbar Italienisch, mit unüberhörbarem deutschen Akzent. Außerdem wirkt der Song bekannt – als „Meine Kneipe“ von der Berliner Band Von Wegen Lisbeth, nur eben als Italo-Disco-Nummer neu arrangiert. Dieses „Al Mio Locale“ befindet sich auf einer EP namens „Patate in Wunderland“ mit einer Reihe weiterer, ursprünglich deutschsprachiger Lieder im neuen Gewand. Dahinter steckt ein Kollektiv: die Crucchi Gang.

          Felix Hooß

          Koordinator für Premium-Inhalte bei FAZ.NET.

          Die Italophilie unter deutschsprachigen Musikern greift seit längerem um sich, den Hype hatte die österreichische Band Wanda begründet, als sie 2014 von „Amore“, Bologna und der Tante Ceccarelli sangen. Später lieferten Wanda dann auf „Lascia mi fare“ feinstes Phantasie-Italienisch ab, doch es klang einfach gut, und als Deutscher beneidet man die Österreicher ja schon ein wenig um diese Lässigkeit, sie scheint mit der Nähe zum Belpaese zu tun zu haben.

          Die Liebe zwischen Deutschen und Italienern wiederum ist kompliziert. Es ist etwas dran an dem Sprichwort, wonach die Deutschen zwar die Italiener lieben, sie aber nicht respektieren, die Italiener hingegen die Deutschen respektieren, sie aber nicht lieben. Ähnlich ist es mit der Musik: Deutsche schwärmen für Adriano Celentano, Paolo Conte, Gianna Nannini – Italiener nehmen höchstens Rammstein wahr und kennen sonst vielleicht „Eins, zwei, Polizei“, ein Eurodance-Hit, der aber von dem italienischen Projekt Mo-Do stammt. Alles ein großes Missverständnis!

          Keine hässlichen Deutschen

          Und da kommt die Crucchi Gang ins Spiel, um das nicht zuletzt in der Corona-Krise angespannte Verhältnis zu beruhigen. Und es fängt schon mit dem Namen an: „Crucchi“ ist eine hässliche Bezeichnung für Deutsche, die aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stammt und auch heute noch häufig verwendet wird; mal spöttisch, mal abwertend, jedenfalls ungefähr so liebevoll wie hierzulande „Spaghettifresser“. Es gehört also zur Charmeoffensive, dass die Musiker das Wort für sich gekapert haben. Genau wie der italienische Sound als Vehikel für die wiederbelebten deutschen Songs.

          Hinter dem Projekt stecken Francesco Wilking, früher Sänger bei Tele, heute bei Die Höchste Eisenbahn, die Musikmanagerin Charlotte Goltermann und ihr Mann, der Schriftsteller und Musiker Sven Regener. Seit sie für einen Film von Leander Haußmann im Jahr 2007 zusammenarbeiteten, stand die Idee im Raum, gemeinsam ein italienisches Album aufzunehmen. Und jetzt endlich haben sie sich Lieder von „Lieblingssängern“ genommen, wie sie sagen, die auch auf Italienisch funktionieren.

          Sänger und Übersetzer: Francesco Wilking
          Sänger und Übersetzer: Francesco Wilking : Bild: Universal

          Francesco Wilkings italienische Mutter kommt aus Rom, seine Eltern lernten sich im Zug nach Berlin kennen – wer wäre also besser geeignet für diese Völkerverständigung? Unterstützt von seiner Familie und italienischen Freunden hat er jedes Lied so übersetzt, dass Sinn und Reim auch im Italienischen erhalten bleiben. Die Band dazu hat der Produzent Patrick Reising zusammengestellt, die aus jedem Song musikalisch das macht, was am besten zum Original passt.

          Hervorragend funktioniert das bei „Bungalow“, dem Hit der österreichischen Band Bilderbuch. Bongos und Bläser sorgen für ein leichtes Sechzigerjahre-Sommergefühl, der Text ist eingängig (aus „Dann rufst du an auf meinem Handy, und da bist du wieder candy“ wird „Mi chiami al cellulare, mi chiedi vieni al mare“) – und schon wähnt man sich auf der Piazza mit einem Getränk in der Hand, umgeben von schönen Menschen beim Ausführen ihrer Abendgarderobe. „Il mio bungalow“ ist das einzige Stück, das Wilking selbst singt, und er tut das so gut, dass der Sänger von Bilderbuch, Maurice Ernst, vom „bis dato besten Bilderbuch-Cover“ gesprochen hat.

          Tiefgängig wie ein Fellini-Film

          Das komplette Album der Crucchi Gang erscheint am 25. September, derzeit kommen aber alle zwei Wochen neue Singles heraus: Sven Regener interpretiert den Klassiker seiner Band Element of Crime, „Weißes Papier“, eher getragen-melancholisch als „Carta bianca“, bei den Züricher Sängerinnen Steiner & Madlaina gerät „La Dolce Vita“ (im Original: „Das schöne Leben“) anmutig und tiefgängig wie ein Fellini-Film.

          All das wirkt überraschend wenig anbiedernd, dafür charmant und voller Liebe für das musikalische Gastland: Hier kommt eine ausgestreckte Hand, eine proeuropäische Geste, ein Freundschaftsangebot von den Nachbarn aus dem Norden, die endlich nicht mehr nur für Bier, weiße Tennissocken in Birkenstocks und eine rigide Austeritätspolitik stehen, sondern auch mal entspannt wirken wollen.

          Ein italienischer Musikjournalist aber, konfrontiert mit den Liedern, antwortet lapidar: „Ich fand sie kurios und weiter nichts.“ Bleibt es also doch bei einseitiger Liebe? Offenbar lassen sich Italiener selbst dann nicht von deutschsprachigem Liedgut begeistern, wenn man es ihnen in ihrer Muttersprache vorsingt (das tun, neben Regener, Wilking und Steiner & Madlaina, übrigens auch noch Sophie Hunger, Faber, Clueso und Thees Uhlmann). Für die Deutschen dagegen sind diese Lieder eine Art Lockerungsübung. Als nächstes könnten sich die Macher der Crucchi Gang übrigens eine Platte vorstellen, auf der italienische Interpreten deutsches Liedgut covern. Vielleicht wird das dann ja der Beginn einer wundervollen Freundschaft.

          „Crucchi Gang“, ab 25. September bei Vertigo Berlin

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