https://www.faz.net/-gqz-9ziak

Coronapop von Charli XCX : Die Sehnsucht nach der Party danach

  • -Aktualisiert am

Charli XCX im November 2019, noch außerhalb des Schlafzimmers Bild: Agent Provocateur via Bestimage

Die Popfuturistin Charli XCX hat in der Quarantäne ein komplettes Album aufgenommen. „how i’m feeling now“ heißt es, und die Antwort ist: besser als gedacht. Zum Glück färbt das ein bisschen ab.

          3 Min.

          Bei sehr vielem, was in den letzten Jahren vorn dabei war, war auch die britische Sängerin Charli XCX dabei: In der Serie „Girls“ grölte Lena Dunham deren Durchbruch-Song, den trashigen Elektropop-Abipartyhit „I Love It“, über die Tanzfläche. Der koreanischen Super-Boyband BTS verhalf sie mit „Dream Glow“ zu einem schön kitschigen K-Pop-Moment, und 2019 schrieb sie am Text zu dem Riesenhit „Señorita“ von Shawn Mendes und Camila Cabello mit, der irgendwann auch das hinterste Festzelt der Feuerwehrtanzveranstaltungen beschallte. Charli XCX bekam den seltenen Move hin, mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit die richtigen Sachen zu machen und trotzdem etwas später ohne Verrenkung zusätzlich den ganz großen Erfolg mitzunehmen, wenn dann die Weltstars die Trends für sich entdeckten. Innerhalb und außerhalb des Mainstreams, gleichzeitig Kult und Kommerz.

          Man konnte den Corona-Blues also kurz vergessen, als Charli XCX Anfang April ein Lockdown-Album ankündigte. Innerhalb von nur sechs Wochen wollte sie von zu Hause aus mit Hilfe ihrer Fans die Songs schreiben und aufnehmen, Videos drehen, ein komplettes „Do it yourself“-Album machen. In den vergangenen Wochen postete Charli XCX mögliche Songtexte und Albencover auf Twitter und spielte Demos der Lieder auf Instagram vor, zugeschickte Clips ihrer Fans wurden zusammenmontiert zum Video der ersten Single „forever“. Ein seltsamer, roboterhafter Synthiepop-Liebessong über die Beziehung zu ihrem Freund, den die Sängerin auch dann lieben will, falls er mal nicht mehr ihr Boyfriend ist: „I’ll love you forever / Even when we’re not together.“

          Glamouröser Popstar und nerdige Heimproduzentin

          Das Album „how i’m feeling now“ reiht sich in die Erkundungen musikalischer Grenzzonen, die Charli XCX seit Jahren von Genre zu Genre treiben, Punk, Rap, Kaugummipop, Teenie-Rock. Auf die elf Songs von „how i’m feeling now“ passt der Begriff Schlafzimmerpop. Nicht der Schlafzimmerpop melancholischer Männer, die in ihrer Einsamkeit wühlen – der Experimentalpop von Charli XCX kommt aus dem Schlafzimmer einer in den Neunzigerjahren Geborenen, die mit Britney Spears, blinkenden Nokias und dem Zugang zu gerippter Musiksoftware aufgewachsen ist, die glamouröser Popstar und nerdige Heimproduzentin zugleich ist. Sie singt ihre catchy Liedzeilen auf verspulte Beats und begräbt die zarten Melodien unter Rauschen, Piepen und anderem elektronischen Lärm.

          Schlafzimmermusik ist das Album auch in dem Sinn, dass mehr als die Hälfte der Songs Liebeslieder sind. Nicht alle so romantisch wie „forever“. Auf „enemy“ besingt Charli XCX, fast euphorisch, das uralte Dilemma, dass die Leute, die einem nah sind, dummerweise auch am allerbesten wissen, wie sie einen verletzen. Seit Beginn der Quarantäne lebt die Sängerin in einem Haus mit ihrem Freund, das erste Mal nach langer Fernbeziehung. Vor Corona sei die Beziehung dem Ende nah gewesen, erzählte Charli XCX in einem Interview, dann habe die erzwungene Nähe beide einander näher denn je gebracht. Ihr Freund schoss das Coverfoto, die Sängerin mit einem Camcorder auf dem Bett, er filmte sie für Videos und saß auf der anderen Seite der Wand, wenn sie drüben Songs über ihn sang.

          Diese Songs ringen der Situation Hoffnung ab, sie machen das Album zu einem siebenunddreißig Minuten langen Trotzdem. Die schöne Internet-Nostalgie von Videokonferenzen kommt da vor und die Sehnsucht nach der ersten Party danach. Nostalgie folgt auf Zukunftssehnsucht folgt auf vorauseilende Nostalgie, weil Charli XCX weiß, dass sie sich irgendwann nach diesem Zustand des Wartens, der Lebenspause, zurücksehnen wird. Die Popfuturistin baut ihre Beats aus den Benachrichtigungstönen eingehender Chat-Messages, was 2020 irgendwie auch schon wieder retro klingt, und mit der verzerrten Stimme und dem Gedudel, das vielleicht aus frühen Videospielen stammt, erinnert der Sound von „how i’m feeling now“ ein bisschen an ein Jamba-Sparabo auf Autotune.

          Logisch hört man dem Album an, dass es in wenigen Wochen entstanden ist. Die Wucht großer Charli-XCX-Hits fehlt ihm, manchmal geht die Stimme im Elektrogeflacker der Synthesizer und Bässe unter und wirkt dünn, was wohl daran liegt, dass Charli XCX die Songs nicht Wort für Wort in einem Highend-Studio aufgenommen hat, sondern daheim und am Stück. Um ein tendenziell positiv gestimmtes Liebesalbum in vollen Zügen zu genießen, dürfte es zudem nicht schaden, eine/n Geliebte/n in Reichweite zu haben. Aber das ist ja eh klar.

          Mit „how i’m feeling now“ ist es Charli XCX gelungen, den Horror der Leere zu vertonen und damit den Soundtrack zur Kontaktbeschränkung zu schaffen, in der das persönliche Umfeld auf ein paar Personen schrumpft, die Intensität des Kontakts für mehr Nähe (oder Distanz) sorgt und die Videochats reinklingeln, bis man das Smartphone an die Wand werfen will. Besonders der Anfang mit „pink diamond“ und „forever“ macht gute Laune. Aber man ist auch dankbar, wenn dieses Lockdown-Album zum Ende kommt. Länger hätte man die Liebes-Lyrics und nervösen Elektrogeräusche nicht ertragen. Mit einem Rave-Geballer endet „how i’m feeling now“, eine Verheißung, dass danach auch wieder etwas anderes kommt.

          Charli XCX: how i’m feeling now. Warner/Asylum Records

          Weitere Themen

          Nenn mich Lucky Luke

          Haiytis Album „Sui Sui“ : Nenn mich Lucky Luke

          Die Hiphop-Künstlerin Haiyti spielt mit den Klischees des Genres. Ihr neues Album „Sui Sui“ ist düsterer und eindringlicher als alles zuvor von ihr Gehörte.

          Was Männer nicht können

          Marjane Satrapi im Gespräch : Was Männer nicht können

          Die iranisch-französische Filmemacherin und Comiczeichnerin Marjane Satrapi erklärt, warum sie einen Film über Marie Curie gedreht hat, weshalb sie lieber unbequem, aber mächtig ist und wie sie ihre alte Heimat Iran sieht.

          Topmeldungen

          Sparen fürs Alter? Das ist besonders für Menschen mit niedrigem Einkommen gar nicht so einfach.

          Betriebsrenten : Geringverdiener ignorieren Zuschüsse fürs Alter

          Mit einer neuen Förderung wollten die Minister Nahles und Schäuble die Verbreitung der Betriebsrenten verbessern. Nun liegen erstmals Zahlen vor, das Ergebnis ist durchwachsen. Entsprechend unterschiedlich bewerten Fachleute das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.