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Corona-Song der Stones : Die Stunde der einsamen Geister

Die Stones beim One-World-Konzert Bild: Screenshot

Auf der Mundharmonika in den Untergang gesäuselt: In der Isolation haben die Rolling Stones ihren ersten Song nach acht Jahren veröffentlicht. Und sieh an: Er trifft’s.

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          Dass es eine Pandemie brauchte, um eine Reihe von Bands, die noch von ihrem Weltruhm zehren, nach Jahren ohne musikalische Weiterentwicklung aus der Reserve zu locken, ist faszinierend, aber auch ein wenig naheliegend. Dass es einen knapp vierminütigen, über weite Etappen gegrölten, sehr dankbar zu memorierenden Song namens „Living in a Ghost Town“ brauchte, um diese Krise musikästhetisch zu durchdringen, schon weniger.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Über Inspiration lässt sich streiten. Aber Zeit haben Leute wie Mick Jagger und Keith Richards, die noch gut von ihren Platten und Streams und Konzerteinnahmen leben, im Gegensatz zu jenen Künstlern, die noch keine Stadien in ein paar Minuten ausverkauft haben, jetzt sicher genug. Nicht auszuschließen, dass ihnen sogar etwas langweilig wird. Man hat sie neulich erst gesehen, bei Kerzenschein vor Plastikpalmen, Affenstatuen und Plattenschränken beim Benefiz-Festival „One World: Together at Home“ am vergangenen Wochenende, an dem die Stones, also jeder für sich, ganz vergnügt schienen. Jedenfalls spielten sie mit großer Leidenschaft in ihren Wohnzimmern auf. Aber wenn nicht gerade Lady Gaga anfragt, dürfte der Alltag auch für sie ein wenig unglamouröser geworden sein.

          Düster-wohlige Erinnerung

          „Life was so beautiful, then we all got locked down” zeugt von diesen Gefühlen, und wenn sich auch vorlaut einwerfen ließe, dass es jeder zweite Song der Stones bereits in eine der ungezählten Corona-Playlists geschafft hat, es also längst anerkannte Quarantäneberieselung ist, die alten Alben bei Kerzenschein durchzuhören, ist dieser hier doch das ideale Lakoniematerial für den Moment: Es raunt der Männerchor und es säuselt die Mundharmonika, und düster-wohlig besinnen wir uns der Zeiten, in denen Politiker das Übliche verhandelten, Diebe noch fröhlich stahlen, Stiftungen zu Spenden aufriefen und die Luft voller Trommeln und krachender Becken war.

          Richards und Jaggers teilten dann noch mit, sie hätten den Song schon vor dem Lockdown gemeinsam mit anderem Material für ein neues Album in Los Angeles aufgenommen. „Living in a Ghost Town“ aber halle besonders wider „in der Zeit, in der wir uns gerade befinden.“ Und er hallt noch besser, nachdem sie ihn der Zeit eingeschrieben haben: „Always had the feeling, It would all come tumbling down“. Im Musikvideo geistert dazu ein Einsamer mit Fisheye-Blick durch die U-Bahnhöfe Londons, über die leeren Brücken der Themse und an nutzlos gewordenen Architekturwundern vorbei.

          Zusammen sind die Stones jetzt 302 Jahre alt. „Doom and Gloom“, ihr letzter Originalbeitrag zur Musikgeschichte, erschien 2012. Was folgte, waren gecoverte Bluessongs (2016) und eine weitere Zusammenstellung ihrer größten Hits (2019). Aber sie haben nicht aufgehört zu touren, und für eine Band, die so ausgiebig von ihren Livekonzerten zehrt, sind es psychologisch schwere Zeiten. Konsequenterweise haben sie ihre Tour in diesem Jahr dann auch nicht abgesagt, sondern vorerst verschoben. Die Botschaft: Wir lassen uns nicht so einfach von der Bühne vertreiben.

          In einem Interview bei Apple Music hat Mick Jagger zuletzt an die gedacht, denen es schwerer ergeht: „Zwanzig Millionen Menschen haben ihre Jobs verloren wegen etwas, das nichts mit ihnen zu tun hat.“ Ihm sei bewusst, was für ein Glück er habe. Je weniger Geld, so Jagger, desto mehr Sorgen. Den neuen Song hätten Richards und er übrigens in zehn Minuten geschrieben. Innerhalb eines halben Tages wurde er auf Youtube eine Million mal geklickt. Es gibt doch Anlass zur Hoffnung: Die Sorgen der größten Rockbands aller Zeiten könnten sich in Grenzen halten. Und je weniger Sorgen, desto mehr Inspiration.

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