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Coldplay-Album „Ghost Stories“ : Der Verrat

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Chris Martin, soeben von Gwyneth Paltrow getrennt, bei der Darbietung toll passender Promotrennungslieder auf der Bühne. Bild: Polaris/laif

Aus Liebesschmerz haben große Künstler große Kunst werden lassen. Chris Martin, frisch getrennt von Gwyneth Paltrow, gehört nicht dazu. Die neue Platte seiner Band Coldplay strotzt vor Lieblosigkeit der Liebe gegenüber. Weg damit!

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          Das Leben wird, das kann man zumindest in dieser derart verregneten Jahreszeit zu glauben anfangen, immer belangloser. Fraglos kollabieren in anderen Ländern und Landschaften reihenweise die Existenzen, aber hier, bei uns Kulturbürgern friedlicher Regionen, scheint zumindest öffentlich wenig von großer Konsequenz vorzufallen: Conchita Wurst. Und man soll ja nicht klagen, aber irgendwas Aufregenderes wäre vielleicht mal schön.

          Zum Glück sind wir nicht allein soziale und politische, sondern auch private Wesen. Die persönlichen Ereignisse können das Leben jederzeit ins Erschütternde übergehen lassen. Der Tod und die Liebe bleiben als Großmächte auch in der Bundesrepublik und in Beverly Hills bestehen. Wenn sie in unsere Leben treten, geht uns alles wieder näher. Natürlich kann das dann schwer, sogar entsetzlich sein, aber im Grunde wäre unsere Existenz doch unerträglich, wenn die Ereignisse nicht ab und an echtes Gewicht hätten.

          Betäubender Brei weichgewaschener Tristesse und schalen Trostes

          Wenn man die neue Platte von Coldplay hört, kriegt man Angst um dieses Gewicht. Vielleicht ist es nur die verregnete Jahreszeit, aber wirklich, etwas so Sinistres, alles Relevante systematisch in brutalste Banalität Hinabziehendes hat man schon lange nicht mehr gehört. Diese Platte stimmt nihilistisch.

          Es geht darauf, so ballert es aus allen verfügbaren Kanälen einer gewaltigen Hochglanz-PR-Maschine, um Liebeskummer in existentiellen Dimensionen. Ohne falsche Scham bekennt der Coldplay-Sänger Chris Martin in Interviews und Wikipedia-Passagen, dass die Musik auf „Ghost Stories“ seine von allen Boulevardblättern hinlänglich besungene Trennung von der Schauspielerin Gwyneth Paltrow zum Thema habe. „Ghost Stories“ ist eine Platte über die in dieser grausamen Welt tatsächlich real vorhandene Möglichkeit, der großen Liebe verlustig zu gehen. Damit ist, und das weiß jeder, der einmal ernsthaften Liebeskummer gehabt hat, nicht ansatzweise zu spaßen. Hier geht es um die bittere Wunde, aus der große Künstler große Kunst geschaffen haben, und das, wie man sich vorstellen kann, unter größten Schmerzen.

          Coldplays Platte „Ghost Stories“ lässt befürchten, dass künftig schlimmster Liebeskummer mit musikalischen Muckefuck assoziiert wird

          Natürlich wollen wir keine Zensur haben - wobei die Einrichtung einer solchen Institution immerhin mal wieder etwas wirklich Aufregendes im öffentlichen Raum bedeuten würde -, aber man muss sich schon fragen, ob diese unsere Kultur nicht aus reinem Selbsterhaltungswillen eine Platte wie „Ghost Stories“ verbieten sollte. Wenn schlimmster Liebeskummer von unschuldigen Jugendlichen künftig mit diesem musikalischen Muckefuck (ja, im doppelten Sinne des Wortes) assoziiert wird, so drohen diese unschuldigen Jugendlichen ihrer Fähigkeit zum Schmerz und zur Unmittelbarkeit des Lebens überhaupt beraubt zu werden, und zwar weil sie in dieser Musik auf eine Welt treffen, in der es für das wirklich Heftige keine Formulierungsmöglichkeiten mehr gibt, sondern nur noch einen betäubenden Brei weichgewaschener Tristesse und schalen Trostes.

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