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Cliff Richard ist siebzig : Das Kreuz mit dem Rock

  • -Aktualisiert am

Cliff Richard auf seiner Europa Tour 2007 Bild: AFP

Seine Musik reicht vom Rock 'n' Roll bis zum Californiasound. Mit dieser Spannbreite provozierte er die Gralshüter aller Richtungen. Doch sein Erfolg gibt ihm recht: Seit mehr als 50 Jahren hat Cliff Richard in jeder Dekade einen Nummer-eins-Hit plaziert.

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          Wie haben wir uns geschämt, als vor einigen Jahren ein Werbespot mit Cliff Richards „Summer Holiday“ unterlegt war - und wir unkontrolliert sofort mitswingten. Weshalb eigentlich? Schließlich hat kein anderer Song dieses Schlendern, das eigentlich ein Tanzen ist, und in das man verfällt, wenn Ferien sind, die das Wort verdienen, so passgenau und mitreißend in Musik übertragen. Und dass Cliff Richard so vollendet alle Musikstile vom Rock bis zur Schnulze, Ballade bis Choral durchexerziert, wie er perfekt vom Falsett bis zum volltönenden Bariton, vom heiseren Schrei bis zum Flüstern singt, ist nach seiner zweiundfünfzigjährigen Karriere nun wirklich allgemein bekannt. Vielen aber immer noch schmerzlich.

          Das kann man insofern verstehen, als der gerade achtzehnjährige, in Indien geborene und trotz englischer Eltern auch so aussehende Cliff Richard in seiner Heimat einschlug wie eine Bombe, sprich: wie Elvis the Pelvis (der bekanntlich später ebenfalls nicht vor ausgewachsenen Schnulzen zurückschreckte). Es waren nicht - oder nicht nur - Tolle, Samtaugen und Hüftschwung, die ihn in alle britischen Hitparaden katapultierten, sondern, anfangs mit der Band „The Shadows“, harter Rock 'n' Roll wie „Move it“, der erste echte Rocksong Englands.

          Vom Rock 'n' Roll zum Schmusesänger

          Vor Cliff und den Shadows, sagte John Lennon einmal, habe die englische Musik nichts geboten, das des Hörens wert gewesen wäre. Dabei dürfte er auch an „High Class Baby“ und „Mean Streak“ gedacht haben, in denen Cliff Richard weiter rebellierte. Wie seine amerikanischen Vorbilder kultivierte er die Attitüde des einsamen Wolfs; finstere Miene, abgewandter Blick, abrupte virile Gesten. Doch damit konnte der Jungstar zwar Konzerthallen füllen und erste Fernsehshows bestreiten. Doch für lukrative Filmrollen, die ihm reihenweise angetragen wurden, stand Lächeln, Sanftheit und Grazie auf dem Programm. Richard lernte schnell (was er später auf Musicalbühnen bewies) und nahm entsprechend geglättete Songs auf, die ihn als Rockidol den Kopf kosteten und bis heute stigmatisierten: „Lucky Lips“ (1963), der Evergreen, ist dank der deutschen Version (“Rote Lippen soll man küssen“) auch bei uns der bekannteste.

          Cliff Richard im Europapark in Rust 2005
          Cliff Richard im Europapark in Rust 2005 : Bild: dpa

          Der erste Erfolg dieser Karrierephase war „The Young Ones“. Deutlicher als mit dessen mahnender Refrainzeile „We may not be the young ones very long“ lässt sich das damalige Schwanken der Jugendlichen zwischen Aufruhr und Einlenken kaum ausdrücken. Deshalb übertönte der Song auch Finessen wie „Miss You Nights“, in denen Richard zwar vom einsamen Herzen sang, aber sein leeres Bett meinte.

          Im Rückblick zeigt sich das Moralaposteltum von „Young Ones“ als Brücke zum missionarischen Cliff Richard, der einst mit Billy Graham, heute solo predigt und christliche Organisationen finanziert. Dass er deshalb höflich und stur auf Konzerten „Why should the devil have all the good music?“ einen zimperlichen Missionarstext über kochendem Rock mit einem furiosen, ungehemmt sexistischen Presley-Medley koppelte, zählt zur Unbegreiflichkeit des Phänomens Richard.

          Rasiermesserschafe Texte in „Devil Woman“

          Endgültig Mainstreamsänger schien er, als 1969 und 1973 seine Song-Contest-Lieder „Congratulations“ und „Power to all our friends“ durch die Bierzelte der Welt stürmten - bis er 1976 mit dem gnadenlos hämmernden und rasiermesserscharf getexteten „Devil Woman“ das (von Eric Clapton bejubelte) Gegenteil bewies. Es folgte 1979 „We don't talk anymore“, in dem er die Koloraturen der Bee Gees und die Riffs des Californiasounds übertrifft. Sänger, Gitarrist, Schauspieler, Tänzer: Von nun an wurde Cliff Richard in allen Sparten respektiert, wenn auch nie mehr so frenetisch gefeiert wie der junge Rebell.

          Den Millionenerfolgen tat das keinen Abbruch, denn er ist der Einzige, der über unglaubliche sechs Jahrzehnte hinweg in jeder Dekade Nummer-eins-Hits plazieren konnte. Dass er sich in all den Jahren nie als Schwuler bekannte, beschäftigte das Publikum oft mehr als seine Musik. Auch dieses Ressentiment ist getilgt, seit er 2008 in seiner Autobiographie seinen Lebensgefährten vorstellte und die Kirche zu mehr Realitätssinn aufforderte. Wenn Cliff Richard am kommenden Donnerstag siebzig Jahre wird, sollte man noch einmal sein „Livin' Doll“ von 1959 hervorholen, den wohl durchtriebensten Chauvinismus, den ein Rockpopsänger je den Frauen zu Füßen gelegt hat.

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