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Charlotte Roche : Die hohe Kunst des Kindergeburtstags

Bis dorthin, wo es uns interessiert, ist es doch nicht so weit: traute Runde bei Charlotte Roche
          2 Min.

          Man müsste, wenn die Sache nicht so lustig wäre, jetzt einen sehr bedeutungsschwangeren Ton anschlagen; man müsste von der Sensation reden, die dieser Fund bedeutet; man müsste seine Echtheit anzweifeln, und womöglich müsste man sich auch die Frage stellen, ob das Werk der Künstlerin im Kontext der neuen Entdeckung nicht völlig neu zu interpretieren sei.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf Youtube ist eine Sendung mit dem Titel „Wahrheit oder Pflicht“ aufgetaucht (voilà), ein Benutzer namens „turboconnie“ hat sie dort veröffentlicht, die näheren Umstände sind unbekannt. Es handelt sich um die Pilotsendung für eine Show, die die Moderatorin Charlotte Roche mit ihrer Firma Punani fürs Fernsehen produzierte, die aber offenbar kein Sender zeigen wollte. Es handelt sich um die Umsetzung des gleichnamigen Kinderspiels, bei dem die Kandidaten die Wahl haben, ob sie sich verbal oder durch die Bewältigung einer unangenehmen Aufgabe blamieren. Für die erste Folge trafen sich dazu der Autor Roger Willemsen, die Popsängerin Mieze, der Rapper Ferris MC und die Moderatorin Kim Fisher in der Wohnung von Roche.

          Sie werden gewusst haben

          Das Konzept ist denkbar simpel und bestätigt die These, dass gutes Unterhaltungsfernsehen auch nur ein aufgesexter Kindergeburtstag ist - was bei Roches „Wahrheit oder Pflicht“ sehr wörtlich zu nehmen ist. Verglichen mit der verschämten Privatversion des Partyspiels ist die Sendung ein wahrer Wettstreit um das unanständigste Bekenntnis. Keiner der Teilnehmer lässt sich lange um eine derbe Anekdote bitten, niemand ziert sich, eine der Pflichtaufgaben zu erfüllen, die meistens irgendeine Form von Nacktheit beinhalten.

          Die Tatsache, dass der Abend eigentlich zur Ausstrahlung im Fernsehen gedacht war, schien bei allen Anwesenden die Sicherungen eher zu lockern. Wenn man so zuhört, wenn Roche erzählt, was sie für ihren aufregendsten Körperteil hält, wenn Willemsen zum Schluss kommt, dass er von seiner Mutter nie bedingungslos geliebt wurde, wenn Ferris MC seinen Kleine-Jungs-Traum vom großen Reichtum ausmalt und Fisher herunterbetet, wo sie schon überall Sex hatte, dann meint man eher, dass sich alle sehr sicher gewesen sein müssen, dass diese Aufnahmen niemals ein größeres Publikum erreichen werden.

          Wahrscheinlich war es nicht zu schmutzig

          Der Voyeurismus aber, der den Zuschauer durch diese Szenen trägt, bezieht sich gar nicht so sehr auf den Inhalt all dieser Geständnisse, die am Ende doch eher harmlos sind, im Vergleich zu den Intimitäten etwa, die in nachmittäglichen Talkshows ausgestellt werden. Viel faszinierender als die Einsicht in die privaten Geheimnisse der Kandidaten ist der Blick in den Mülleimer des Fernsehens, der sich hier eröffnet, in die Arbeitsweise und Selektionskriterien der Programmgestalter. Weil „Wahrheit oder Pflicht“ gar nicht von seinen Derbheiten lebt, sondern eher trotz all der Peinlichkeiten einen wunderbaren Charme entwickelt, drängt sich der Verdacht auf, dass die Show gar nicht abgelehnt wurde, weil sie womöglich zu schmutzig war - sondern zu klug.

          Es ist nicht neu, dass gute Unterhaltung die größte Kunst ist. Bei „Wahrheit oder Pflicht“ kommt diese Erkenntnis leicht abgewandelt zu fortgeschrittener Stunde auch Charlotte Roche: „Es ist so wahnsinnig schwer, sich Scheiße auszudenken für andere.“

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