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CD-Präsentation : Marius ist der Zauberer

  • -Aktualisiert am

Nur einmal röhrt frech der alte Marius Bild: dpa/dpaweb

Dreihundert geladene Leute in einem dunklen Raum. Ein Mann schaltet einen CD-Spieler an. Er ist sehr schlank und weiß noch von früher, daß Dicke wie die Schweine schwitzen. Westernhagen hält hof in Essens Zollverein.

          Das in winterlichem Dunkel liegende Gelände des Essener Zollvereins braucht den Blick auf das Choreographische Zentrum nicht erst freizugeben. Hinter der schon von weitem sichtbaren, rot erleuchteten Glasfassade verrichtet weiß liviriertes, weibliches und durchweg gutaussehendes Personal seinen Dienst. In dem langgezogenen Raum, zu dem der professionell freundliche Türsteher denen Zutritt gewährt, die sich vorher angemeldet haben, stehen etwa drei Dutzend Personen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Obwohl sie sehr unterschiedlich gekleidet sind, wirkt die Erwartung dessen, was kommt, auf sie vereinheitlichend. Selbst die Anzugträger, die auch beim Oberbürgermeister vorstellig werden könnten, signalisieren mit einem Paar ausgetretener Turnschuhe, daß sie Wert auf ein Erscheinungsbild legen, mit dem sie nicht in den Vedacht geraten, langweilig zu sein. Der Champagner, den die Damen servieren, schmeckt ausgezeichnet.

          Ist dies also der passende Ort für die Vorstellung der neuen Platte von Marius Müller-Westernhagen? Rein geographisch trifft das zu. "Ich bin wieder hier, in meinem Revier, / war nie wirklich weg, hab mich nur versteckt. / Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein, / und dann bin ich mir sicher, wieder zu Hause zu sein." So sang er vor Jahren in dem Lied "Ich bin wieder hier", das deswegen eines seiner besten ist, weil er dem Lebensgefühl des Ruhrgebietskumpels, mit dem er im Grunde wenig am Hut hat, zu einem Ausdruck verhalf, der auch musikalisch zwingend war.

          Nicht autobiographisch, aber persönlich: Westernhagen in der Zeche Zollverein

          Westernhagen wartet

          Es wird langsam eng, etwas von Party liegt jetzt in der Luft. Was das aber alles für Leute sind, das wüßte man beim besten Willen nicht zu sagen. Vom Sänger noch keine Spur. Dafür erkennt man jetzt, auf den zweiten oder dritten Blick, den bekannten Popmoderator Alan Bangs, dessen fast schulterlange graue Haare unter einer rosa-braunen Wollmütze, wie sie sonst nur Rentnerinnen tragen, hervorragen. Bangs trägt eine lange Lederjacke und eine weite Hose, deren helle Farbe zum winterlichen Wetter nicht paßt. Um kurz vor neun Uhr und ohne daß erkennbar wäre, auf welches Zeichen hin, setzt sich die Menge in Bewegung.

          Es geht zuerst geradeaus, dann links, dann wieder links und dann noch einmal links - also im Kreis herum durch einen langen, rechteckigen Gang, dessen Wände zum Teil nur Holzverschläge sind. Niemand weiß, was das soll, aber es sagt keiner etwas dagegen. Westernhagen wartet, da dürfte kein Weg zu weit sein. Der Fußboden vibriert: Ein mächtiger Baß kitzelt die kalten Füße. Sollte das schon Westernhagen-Musik sein? Eher nicht, dafür klingt es zu modern. Nach dem Rundgang nehmen alle Kurs auf eine Treppe, die ins erste Stockwerk führt. Man tritt in einen großen Raum, der mit seinen ansteigenden Sitzreihen wie ein Hörsaal aussieht.

          Das weiß er noch von früher

          Weiß umschlagene Pressemappen liegen aus, mit Liedertexten und Westernhagen-Fotos, die so makellos sind, daß man sich nicht wundert, als man sie umdreht und hinten drauf den Namen Karl Lagerfelds liest. Nach kurzer Zeit sind fast alle der rund dreihundert Plätze besetzt. Es wird dunkel, und dann, nach einigen Minuten geht vorne, auf der flachen Bühne, ein Spot an. Eine Frau tritt aus dem Hintergrund - ist es Westernhagens? - und geht schweigend und in weitem Bogen über die Bühne, in deren Mitte ein CD-Abspielgerät auf dem Boden liegt, das aussieht wie ein sehr teurer Plattenspieler.

          Dann kommt, ebenfalls wortlos, ein Mann auf die Bühne und schaltet das Gerät an. Er ist sehr schlank und weiß noch von früher, daß Dicke wie die Schweine schwitzen. Der dunkelblaue, nadelstreifenbeschlagene Zweireiher steht ihm, der schwarze Rolli auch. Die getönte Brille hebt das Spitzmündig-Heiner-Müller-hafte, das schon lange an ihm zu beobachten ist, noch mehr hervor. So sieht noch nicht einmal ein Soziologieprofessor aus, höchstens jemand an der Fachhochschule für Design. Es ist so still, als würde nun etwas Unwiederbringliches folgen. Der Mann geht ab, die Musik an.

          Ergebnis und Ereignis: ein lächerlicher Kontrast

          Erstes Lied: "Versuch dich zu erinnern". Es klingt zunächst wie Drum&Bass, aber das täuscht. Das übertrieben eingesetzte French Horn kommt ihm in die Quere und macht etwas anderes daraus. Der Text ist so kryptisch wie bei den folgenden dreizehn Liedern auch: Klavierballaden, Akustikfolk und sogar Countrymusik. Nur einmal, in "Daneben", röhrt frech der alte Marius und übertönt so die Ungereimtheit dessen, was er singt. So berühren die mit Flüsterstimme preisgegebenen Intimitäten nicht allzu peinlich, weil man immer nur ahnen kann, wovon die Rede ist.

          Der Sänger wird es nachher, in dem wegen einer Marm-Darm-Grippe kurzen, aber nicht unsympathisch absolvierten Gespräch mit Alan Bangs, dessen Schmierigkeit in dieser kalten Umgebung angenehm wirkt, so erklären: nicht autobiographisch, aber persönlich. Auch erklärt er die Wahl der ausländischen, zurückgenommen agierenden Mitmusiker: Solche Qualität sei in Deutschland schwer zu finden. Ob das auch für das lyrische Niveau gilt, läßt er offen.

          Eine Stunde lang dreht sich die Scheibe in dem am Boden liegenden Gerät, das wie ein Heiligenschrein angeleuchtet ist. Das Ergebnis steht in fast lächerlichem Kontrast zum Aufwand seiner Präsentation. Deswegen kann es nicht ironisch gemeint sein, als Marius Müller-Westernhagen am Ende für die Geduld dankt.

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