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The Stands : Ihr Bob Dylan heißt Noel Gallagher

  • -Aktualisiert am

Zum Glück fast ohne Retro-Faktor: The Stands Bild: Pias

Wie am ersten Tag des Folkrock: Die "Stands" begnügen sich mit dem, was man nicht erwerben kann, was aber eine Band über das Handwerkliche hinaus auszeichnet - Vertrauen in die Strukturen eines einfachen Songs.

          4 Min.

          In der Popgeschichtsschreibung ist es üblich, daß Anfänger mit dem Segen großer Etablierter lanciert werden. Lange Zeit leistete Bob Dylan entsprechende Dienste, oft unbeabsichtigt. Wen er nur lobte, der war bereits geadelt. Inzwischen sind die Halbwertszeiten so kurz geworden, daß Interpreten manchmal schon mit einer Platte zu Klassikern werden, die dann ihrerseits glauben, Jüngere empfehlen zu dürfen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Es muß nur genug berichtet werden über solche Leute, dann wächst ihnen wie von selbst eine Autorität zu, die mit ihrer musikalischen Leistung nur noch am Rande zu tun hat. Vor einem Jahr war es Ryan Adams, mit dem ein Neuling wie Jesse Malin nur in Kontakt zu treten brauchte, schon war dieser geadelt. Die von Adams etwas nachlässig betreute Platte "The Fine Art of Self Destruction" trug den Hinweis auf den prominenten Produzenten wie ein Ehrensiegel.

          Ein Segen oder nicht

          Der englischen Band "The Stands" eilt der Ruf voraus, von Noel Gallagher gemocht zu werden. Ob das ein Segen ist, darüber muß nicht mehr lange gerätselt werden. Das Mitte des Monats erscheinende Debütalbum "All Years Leaving" dürfte da keinen Zweifel lassen - einen vergleichbar makellosen Einstand feierten zuletzt die "Turin Brakes" mit ihrer treffend titulierten Platte "The Optimist LP".

          The Stands: „All Years Leaving” (Cover)

          "The Stands" wurden vom "Oasis"-Chef Gallagher, der mit seiner Zuneigung sparsam umzugehen pflegt, auf einen Weg gebracht, den sie weitgehend unbehelligt von jener Hysterie beschreiten konnten, die es einer demnächst ebenfalls debütierenden Band wie "Franz Ferdinand" beinahe schon unmöglich gemacht hat, den Erwartungen gerecht zu werden geschweige diese zu übertreffen. Gleichwohl wußte der "Guardian" schon zu melden, hier handele es sich um Liverpools heißesten Import.

          Gallagher nickt aufmunternd

          Gallagher hatte das Quartett bei einem Clubkonzert gehört und war so begeistert, daß er die Musiker gleich mit der Bemerkung in sein Studio einlud, ihm sei es im Prinzip egal, wo die Band ihre erste Platte aufnehme, er wolle nur dabeisein, wenn es passiere. Gallagher saß dann die ganze Zeit über still in der Ecke, nickte ihnen von Zeit zu Zeit ermutigend zu, mischte sich in die Musik nicht ein. Womöglich deshalb sind die zwölf Lieder so unaufgeregt geraten, völlig frei vom Breitwandbombast, mit dem "Oasis" nicht mehr so recht fertig zu werden scheinen.

          "All Years Leaving": Bereits der poetisch-wehmütige Titel ruft beim Hörer die Erinnerung an verhallte Klangwelten auf. Man denkt sofort an Formationen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die sich auf fast rührende Weise von jeglichem Posertum fernhielten und sich ganz in den Dienst ihrer Musik stellten, vor allem britische Bands wie "Lindisfarne", "McGuinness Flint" oder "Stealers Wheel", die engen Kontakt hielten zum Folk und dabei so entspannt musizierten, daß auch ihre aufregenden Lieder irgendwie beruhigend wirkten.

          Eine Nummer kleiner

          Auch "The Stands" sind in erster Linie am Lied an sich interessiert. Das ist ihrem Anführer, Sänger, Gitarristen und alleinigen Songschreiber Howie Payne zu verdanken, der lange, einsame Abende damit verbrachte, akustische Lieder einzuspielen, die den Geist einer Tradition atmeten, welche tiefere Wurzeln hat als der Blues. Ihm war auch an mittelalterlicher Musik gelegen, was keinesfalls ungewöhnlich ist für einen englischen Popmusiker. Payne berief sich dabei auf Robbie Robertson von "The Band", als dessen englisches Pendant man ihn bezeichnen könnte. Auch Robertson hielt es für richtig, seine Virtuosität und Inspiration ganz in den Dienst eines Songs zu stellen und nicht für sich zu spielen - eine Einstellung, die es ihm erst möglich machte, Lieder zu schreiben, die nicht nur einem klassischen Poprepertoire angehören, sondern darüber hinaus so etwas wie Volksgut geworden sind.

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