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CD der Woche: Reinhard Mey : Zwischen Hoffen und Bangen

Hörprobe:: „Mairegen“ Bild: EMI

Reinhard Mey ist zurück. Sein neues Album verarbeitet eine Familientragödie, übt Deutschland-Kritik und passt ansonsten zum bisherigen Wetter dieses Monats: „Mairegen“

          Schon bei einigen vorhergehenden Alben Reinhard Meys dachte man, dass es nicht leicht wäre, darüber zu schreiben. Dass es bei seiner jüngsten Platte so schwierig ist, hat besondere Gründe. Aber der Reihe nach: Ganz leicht war eine Meinung zum Liedermacher Reinhard Mey vielleicht noch nie zu haben - es sei denn, man gehörte zu denjenigen, die seinen etwas altmodischen Sprachgestus und seine Phrasierung rundheraus ablehnten.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber auch wer dem Balladenstil etwas abgewinnen konnte, tat dies wohl im Bewusstsein, wie angreifbar diese Art des Singens ist: Mey ist durchaus leicht zu parodieren, wie Bernd Begemann mit seinem Lied „Unsere Band ist am Ende“ gezeigt hat. Stets auf der Kippe stand insbesondere der gewisse Bedenkenträgerton vieler Mey-Stücke, ob es nun um den Weihnachtsbrauch, die Diplomaten- oder die Hasenjagd ging: Der gesanglich erhobene Zeigefinger drohte auf den Sänger zurückzuzeigen. Beim frühen, sozusagen klassischen Mey wurde das noch ausgeglichen durch viel Humor und auch mehr Biss; erinnert sei beispielsweise an die geradezu rebellische „Trilogie auf Frau Pohl“ (1970). Auf den späteren Alben - und das macht sie etwas problematisch - weicht die Spritzigkeit entweder einer allzu versöhnlichen Lebensweisheit oder der wohlfeilen Tageskritik, wenn es etwa heißt „Alles o.k. in Guantanamo Bay“.

          Die besondere Schwierigkeit bei der Bewertung des neuen Albums „Mairegen“ ist nun, dass sich der Vorwurf von Pathetik oder eines Mangels an Humor geradezu verbietet, da diesen Aufnahmen eine Familientragödie des Sängers vorausgegangen ist und ihnen auch zum Teil zugrunde liegt. Meys achtundzwanzigjähriger Sohn Maximilian fiel im Frühjahr 2009 infolge einer nicht erkannten Lungenentzündung in ein Wachkoma, das bis heute andauert. Insbesondere das Stück „Ficus Benjamini“ verarbeitet das bange Warten auf Besserung.

          Das Grün der Hoffnung

          Die unscheinbare Pflanze, an der sich das Lied aufhängt, ist das einzige Grün in einem sterilen Klinikbereich, einst mitgebracht von einem Radiologen, nicht weiter beachtet, in ausgetrockneter Erde stehend und mit Zigarettenkippen im Topf - und doch ist dieser Ficus das Grün der Hoffnung, der Sohn möge eines Tages wieder zu Bewusstsein kommen. Mit aller Gewissheit heißt es am Schluss: „Du kommst hier wieder raus, wirst über dir den Himmel sehen / Über raschelndes Laub auf einem Waldweg gehen“. Von den Tagen, an denen diese Gewissheit nicht ganz so groß, die Hoffnung aber immer noch da ist, handelt das Titelstück „Mairegen“, das auf einem Gedicht Hoffmanns von Fallersleben fußt. So einfach wie anrührend heißt es darin: „Mairegen lass mich glauben, alles wird gut.“

          Dass Mey auch das Private zum Stoff macht, ist nicht neu und gehört zu ihm; viele schätzen ihn ja dafür. „Lieder sind meine Tagebucheinträge und die Alben, in denen ich sie sammle, wie die Jahresringe eines Baumes, an denen sich die Wetter und der Lauf der Jahreszeiten ablesen lassen“, teilt er in einem Geleitwort zum neuen Album mit. Diese eingestandene Verflochtenheit von Leben und Werk ist es, die eine Kritik zunächst erschwert, weil sie über den Gegenstand vielleicht auch gegen die Person gerichtet ist. Man kann aber auch auf einer Trennung beider Bereiche beharren und darf die Lieder vielleicht auch unabhängig vom Sänger beurteilen.

          Deutlich nach Dienstschluss

          Es sind denn auch gar nicht die hier bereits beschriebenen Stücke, die Kritik auf sich ziehen, sondern solche wie „Gegen den Wind“, in dem um jeden Preis und mit etwas abgestandenen Phrasen das Querdenkertum gefordert wird; es sind solche über eine Imbissbudenbetreiberin an der B10, über die es im Refrain dann heißt: „Antje hat ein Herz aus Gold“. Geradezu schockiert muss schließlich der sein, der sich noch an den „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ aus Meys Frühzeit erinnert - eine Abrechnung mit Bürokratie und Beamtentum -, wenn sich Mey nun in einem allzu rosigen Rückblickslied auch noch bedankt beim „Amtmann, der meinen Antrag annahm / Obwohl ich doch deutlich nach Dienstschluss kam“.

          Die Musik dazu ist zwar überaus behutsam instrumentiert und gewinnt durch Gäste an Charakter; aber sie kann den manchmal geradezu bundespräsidialen Anspruch des Sängers nicht im Zaum halten, wenn der sich schließlich noch zur nationalen Gesamtdiagnose bemüßigt fühlt: „Deutschland macht sich lustig, Deutschland zappt sich schlapp/Deutschland jubelt hoch und Deutschland kanzelt ab“, heißt es in einer Art Wort zum Sonntag. In „Larissas Traum“, dessen Suada über einer Art Milli-Vanilli-Computerbeat dahinperlt, geißelt Mey die rücksichtslose Demütigung junger Kandidaten in Superstar-Sendungen.

          So angreifbar diese Entwicklung der Fernsehkultur auch sein mag, ist sie vielleicht besser in anderen Formen aufgehoben als im Lied. Doch das mag auch nur die Meinung des Rezensenten sein, der solchen vermeintlich großen Würfen und Entwürfen des Sängers die Miniaturen vorzieht, also etwa „Herbstgewitter über Dächern“ oder den durchaus gelungenen „Mairegen“.

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