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Cat Power : Sie schwebt

Cat Power alias Chan Marshall Bild: Foto Jenny Li (Plattenfirma Matador/Beggars Group)

Entwaffnend superstarhaft: Auf ihrer neuen Platte gelingt es Cat Power mühelos, den alten Rock’n’Roll nach gerade eben klingen zu lassen.

          2 Min.

          Alle lieben Cat Power. Schwer, dieser Liebe aus dem Weg zu gehen, wenn bei ungefähr jedem, der noch alle Tassen im Schrank hat, direkt daneben sämtliche ihrer Platten stehen, also die tausendmal gefeierten Alben, in denen Cat Power Songs anderer Leute nachgesungen hat, von Bob Dylan, von Frank Sinatra und den Rolling Stones, oder ihr letztes eigenes von 2006, „The Greatest“.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als das erschien, waren fast alle Geschichten über Chan Marshall, wie die inzwischen vierzigjährige Amerikanerin im wahren Leben heißt, schon erzählt, die Sache mit Karl Lagerfeld, der sie auch so toll findet und für Chanel fotografiert hat, ihr Nervenflattern auf der Bühne, weswegen Konzerte auch schon mal abrupt enden, die Kunstprojekte, ihre Stimme, die alle Intensitäten von Soul, Country, Folk, von amerikanischer Rockmusik in sich birgt und trägt und aufgelöst hat. Denn das, vor allem, ist das durchschnittliche Gefühl beim Hören einer Platte von Cat Power: Leichtigkeit. Anstrengungslosigkeit. Schwebismus. Da zieht etwas mühelos an einem vorbei, und man freut sich, es kaufen und nach Hause mitnehmen zu dürfen.

          Allein in Miami, Paris und Malibu

          Und jetzt hat Cat Power nach sechs Jahren wieder eine neue Platte aufgenommen, „Sun“, endlich wieder mit eigenen Songs, denn so interessant ihre Neuinterpretationen alter Hits auch waren, wie „Satisfaction“ zum Beispiel, das zum letzten Mal ungefähr 1956 aufregend gewesen ist: Solche Projekte (wie „Jukebox“ von 2008) haben am Ende immer etwas von Selbstgesprächen. Ich und meine Platten, meine Platten mit sich selbst. Jetzt dreht sich auf „Sun“ wieder alles nur um Cat Power.

          Es dauert genau drei Lieder, bis sich der Verdacht legt, sie könnte sich etwas zu sehr in Richtung der Sonne, des Mondes und der Sterne bewegt haben, die um Alanis Morissette kreisen, die übrigens auch eine neue Platte gemacht hat - denn da hängt, beim ersten Hören, etwas Esoterisches über diesen Songs, Popyoga, Teebecher, die mit beiden Händen festgehalten werden. „The wind, the moon, the earth, the sky“, singt Cat Power in „Cherokee“, dem ersten Song, „I never knew pain like this“, aber dann, mit den Klaviertönen am Anfang von „Ruin“, mit Cat Powers verzerrt-verdoppelter Stimme und dem dann geradeaus hastenden, immer nervöser werdenden Schlagzeug, schlägt die ganze Sache um in aufgedrehten, neuen Rock ’n’ Roll.

          Cat Power hat die ganze Platte selbst geschrieben und alle Instrumente gespielt, in Miami, in Paris, in Malibu, ein paar Leute haben geholfen, zum Beispiel der inzwischen allgegenwärtige Iggy Pop, der mitsingt und immer größer wird als Hüter des Schatzes, wie man immer erfolgreicher und trotzdem cooler und trotzdem verwitterter wird. Der größte Helfer bei „Sun“ war aber der Franzose Philippe Zdar, der schon die phantastische letzte Platte der französischen Band Phoenix produziert hat und der versteht, obwohl er aus der elektronischen Musik kommt, wie man so etwas Angestaubtes, von vielen Aufgegebenes wie Rock in ein Format verwandeln kann, das keine Minute älter als nach eben gerade, genau jetzt klingt.

          Subkultur für alle

          Leider sind nicht alle elf neuen Songs von „Sun“ so angenehm hektisch wie dieses „Ruin“. Je länger die neue Platte dauert, desto elegischer wird sie, schamanistischer, inniger, weswegen man immer wieder leicht gelangweilt zurückkehrt zu diesem dritten Song, weil sich da alles so herrlich öffnet und man fasziniert zuhört, wie Cat Power aus diesem einen Wort, das im Grunde nur eine verschwommene Silbe hat, erst zwei und dann drei macht, „Ruuu-hinnn“ singt Cat Power erst, und danach „Ruuu-hi-hinnn“, das ist entwaffnend superstarhaft lässig und laut.

          Cat Power ist ja auch ein Superstar. Von einer Sorte, wie sie vor Jahren, zu Anfang ihrer Karriere Mitte der neunziger Jahre, nicht denkbar gewesen wäre, auch wenn damals so langsam die Berührungsängste zwischen unabhängiger und großindustrieller Popmusik, zwischen Mode und Fernsehen und Film und zu bildender Kunst sowieso verschwanden und alles kompatibel wurde. Die seltsamste Musik war plötzlich für jeden da. Und ist es geblieben. Cat Power kam aus der Subkultur, genau wie Feist, wie die Filmemacherin Miranda July. Man kann das gar nicht laut genug sagen, auch wenn „Sun“ jetzt keine geniale Platte geworden ist: Wie gut das tut, dass eine so unkorrumpierbare, integre Kunst wie die von Cat Power so erfolgreich sein kann, heute.

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