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Britpop : Arbeiter sind klasse

  • -Aktualisiert am

Früher „King of Cool”, heute zu statisch: Oasis-Sänger Liam Gallagher Bild: dpa

Vor zehn Jahren erschien das erste Album von Oasis, für viele Menschen eine Offenbarung. Das Ziel der Band: schnellstens zum Klassiker zu werden, um die Früchte noch im Diesseits genießen zu können.

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          Wie man hineinrülpst in die Welt, so rülpst die Welt zurück. Im Idealfall. Und dies hier ist der Idealfall. Wer die Band Oasis gehört hat, am besten damals vor zehn Jahren, wollte den Kopf augenblicklich in dieselbe unbequeme Stellung renken wie der Sänger dieser Lieder. Bei angezogenen Schultern das Kinn weit nach vorne gestreckt, affenartig. Oder den Hinterkopf in den Nacken. Den ganzen Tag Sonnenbrille tragen, den Mund grundlos offenstehen lassen. Man wollte nachmachen, was eine Frauenzeitschrift einmal ganz heiter als Schönheitsrezept der Oasis-Brüder Liam und Noel Gallagher vermutet hat - zum Friseur einen Irish Setter mitbringen und sagen: Bitte genau so! Den eigenen Masterplan haben Oasis trotzdem nicht erfüllt. Sie sind nie die größte Rockband der Welt geworden, dafür waren sie in allen Ländern der Welt gleichzeitig die größte Band Großbritanniens, immerhin. Wenn auch nur vier Jahre lang, wenn auch nur vom Gefühl her.

          Gefühl ist zuverlässiger als die regionalen Rekorde: Oasis in Knebworth 1996, zweimal 125000 Zuschauer, seinerzeit größtes unbestuhltes Freiluft-Konzert Englands. Solche Sachen. Das erste Album "Definitely Maybe", veröffentlicht am 30. August 1994, goldene Schallplatte nach vier Tagen, nach einer Woche Nummer eins in England. Daß das zehnjährige Jubiläum derzeit so blumenschwenkend gefeiert wird, unter anderem mit einer Doku-DVD, die nur vom Entstehungsprozeß dieser einen Platte handelt - das liegt auch daran, daß die Gegenwart der Band im Jahr 2004 so trüb ist. Wieder ein Problem der Rezeption, des Gefühls. Vergangenen Juli, nach dem Auftritt beim südenglischen Glastonbury-Festival, kritisierte sogar der Veranstalter, die fünf Musiker hätten bewegungslos ihren Stiefel heruntergespielt. Mit exakt diesem Argument hatten die Leute Oasis bei Glastonbury 1994 noch zu den Kings of Cool gewählt, das war der mittlerweile bekannte Dreh, die typische ästhetische Wendung der Dinge in den Neunzigern. Die Show war natürlich, daß es keine Show gab.

          „Vom Bett aus starte ich eine Revolution“

          Deshalb läßt sich die Debüt-Platte "Definitely Maybe" heute so gut als Klassiker feiern: Sie ist von vornherein als Klassiker konzipiert gewesen. Ein Retro- und Revival-Jahrzehnt waren die Neunziger ja auch, weil die jungen Pop-Musiker, Künstler und Mode-Designer ein so umfassendes Wissen mitbrachten, weil sie Asse in der Kanonisierung ihrer eigenen Werke waren und mit den Medien ebenso vertraut umgingen wie mit der Funktionsweise früherer Umstürze, vor allem mit Punk. Ein unschätzbares Archiv. "Vom Bett aus starte ich eine Revolution", haben Oasis später gesungen. Als sie 1994 auftauchten, schauten sie extra dämlich in die Fischaugen-Objektive und sprachen von den ungeheuerlichen Vorgängen in ihrer Arbeitersiedlung bei Manchester. "Es geht darum, mit den Freunden eine Flasche Cidre zu köpfen", erklärte Noel Gallagher damals in der Zeitschrift "The Face" seine Lieder, "darum, eine Beatles-Platte aufzulegen, Mist zu reden, kotzen zu gehen, vielleicht Sex mit seltsamen Mädchen zu haben. Es geht um Flucht." Sänger Liam sagte, er habe oft Rasenmäher geklaut und weiterverkauft, um sich Haschisch leisten zu können. Weit weg in Seattle hätte ein US-Musiker für sein Heroin sogar komplizierte Rasensprenger-Systeme aus den Gärten graben können - erst die Ankunft von Oasis wurde vom Großteil der britischen Hörer als befreiende Rückkehr des Authentischen, innerlich Ungewaschenen beklatscht. Als donnernde Wortmeldung aus der Arbeiterklasse, die in der Thatcher-Zeit so schwer eingeschüchtert worden war.

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