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Britney Spears : Vom Sexsymbol zum Wrack

Doch noch etwas hat sich geändert seit den seligen sechziger Jahren: Gegen den Medienrummel, dem sich Britney Spears ausgesetzt sieht, nimmt sich die „Beatlemania“ wie ein Schonprogramm aus. Nicht nur der Aufstieg, auch der Absturz eines Stars lässt sich heute vor laufenden Kameras verfolgen. Fotografen und ein lokaler Fernsehsender hielten durch eine Fensterscheibe fest, wie sich die frischrasierte Sängerin in einem Studio zwei Tattoos stechen ließ; die Bilder inklusive der „Oh My God“-Schreie der Schaulustigen finden sich allerorten. „Youtube“ hat längst Videos mit einer derangierten, lallenden Spears im Angebot, und über ihre jüngsten Ausflüge ins Nachtleben informiert uns detailverliebt die Boulevardpresse. Irgendein Zeuge lässt sich immer auftreiben, der etwas gesehen, auf jeden Fall aber etwas zu sagen hat. Und sei es, dass die Berühmtheit in der Disco, wie „Bild“ erfuhr, „kein Geld für die Klofrau“ hatte. Unter einem freien, selbstbestimmten Dasein stellt man sich etwas anderes vor.

Wie groß ist der Kollateralschaden am Menschen?

Es gibt viele junge Frauen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Die zu früh ein Kind bekommen haben und gleich darauf noch ein zweites, die ein Faible für die falsche Ernährung, die falsche Kleidung und die falschen Männer haben. Solche Dramen spielen sich meist in den eigenen vier Wänden ab. Das Britney-Theater dagegen verfolgt die Weltöffentlichkeit. In einer Fernsehshow im vergangenen Jahr hatte Spears, damals mit ihrem zweiten Kind schwanger, sich als „emotionales Wrack“ bezeichnet und die Paparazzi unter Tränen angefleht, ihre Familie in Ruhe zu lassen. Eine naive Bitte von jemandem, der sich nackt und schwanger auf einem Zeitschriftentitel präsentierte und sein Privatleben an der Seite des Noch-Ehemanns Kevin Federline in einer Reality-Soap mit dem bezeichnenden Titel „Chaotic“ ausstellte. Die leichten Herzens ausgesprochene Einladung betrachten die Journalisten naturgemäß als Freibrief, auch künftig die spearssche Intimsphäre zu durchleuchten. Von den Legionen der Leserreporter gar nicht zu sprechen.

Sucht und Selbstzerstörung sind von jeher dunkle Begleiter des Starwesens. Marilyn Monroe, Elvis und anderen früh Verfallenen war es wenigstens vergönnt, ihre schwächsten Momente nicht vor einem Millionenpublikum zu erleiden; sie blieben Ikonen. Heute arbeitet ein Heer von Boulevardreportern daran, Stars und Starlets ihre Aura auszutreiben; was besonders scheint, muss gewöhnlich werden. Die Presse druckt hässliche Paparazzi-Fotos ungeschminkter Hollywoodgrößen und präsentiert die Zellulitedellen berühmter Beine. Britney Spears, die man vormals als „Pop-Prinzessin“ hofierte, heißt bei „Bild“ nun „Britney Schmiers“ oder ist die „Pummel-Britney“, der man „wurstige Finger“ und „runde Frust-Hüften“ attestiert. Es sind dieselben Schreiber, die mit gespielter moralischer Empörung aufschreien, wenn sich wieder ein dem Schön- und Schlankheitswahn verfallenes junges Mädchen zu Tode gehungert hat.

Britney Spears teilt ihr Schicksal mit vielen anderen. Pete Dohertys abgesagte Konzerte sind ein Running-Gag der Medien, die danach gieren, ihn wieder mit der Nadel im Arm zu erwischen: der Süchtige als Witzfigur. Gar nicht zu Unrecht mögen sich Journalisten als Aufklärer begreifen, wenn sie die Fassade eines Stars zerstören; es liegt an ihnen, wie groß der Kollateralschaden am Menschen dahinter wird. Muss man mit Britney Spears Mitleid haben, mit ihr, die noch immer reich und berühmt ist? Ja - wie mit jedem anderen auch, der so offensichtlich unglücklich ist.

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