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Dylan-Bootlegs : Der Wandrer und sein schwarzer Schatten

  • -Aktualisiert am

Fielen sie in einen brennenden Ring aus Feuer? Hier sieht es eher aus, also ob sie sich amüsieren: Bob Dylan und Johnny Cash 1969 in Nashville Bild: Al Clayton/Sony Music Archive

Wenn Bob Dylan Countrymusik macht, ist klar, dass er keine Countrymusik macht: Die Bootleg-Lieferung aus den Jahren 1967 bis 1969 offenbart Duette mit Johnny Cash und einen neuen Blick auf Dylan.

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          Von Adorno ist überliefert, dass er sein Publikum gelegentlich so einstimmte: „Wenn ich eine Vorlesung zur ,Einführung in die Philosophie‘ halte, dann ist klar, dass ich keine Vorlesung zur Einführung in die Philosophie halte.“ Was tat er dann? Das denkerische Niveau ließ es einfach nicht zu, dass in etwas bloß eingeführt würde; das persönliche Format sorgte von vornherein dafür, dass der Gegenstand auf bisher ungekannte Ebenen gehievt, gleichsam transzendiert wurde.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Analog könnte man sagen: Wenn Bob Dylan Countrymusik macht, dann ist klar, dass er keine Countrymusik macht. Sein Wechsel in dieses Genre markierte 1967/69 sicherlich einen der markantesten Einschnitte seiner Karriere. Der bleiche Beatnik mit den schwerverständlichen Texten schien, nach seinem Motorradunfall im Sommer 1966, auf einmal ganz zutraulich, ja, geradezu warmherzig geworden zu sein, gereift nunmehr zu genialer Einfachheit. Tatsächlich markierten die im Dezember 1967 veröffentlichte Platte „John Wesley Harding“ und die im April 1969 veröffentlichte „Nashville Skyline“ einen der spektakulärsten, wirkungsmächtigsten Richtungswechsel in der Rock- und Popmusik; selbst wenn man nicht vergessen darf, dass Erstere nur teilweise Country ist und es den Countryrock schon vorher gab, zum Beispiel bei den Byrds und bei Buffalo Springfield. Dylan machte ihn, wie so manches, nur hoffähig, das heißt: auch kommerziell einträglich. Er war auch keineswegs zum ersten Mal in Nashville; schon „Blonde On Blonde“, das freilich nicht danach klingt, hatte er hier eingespielt.

          Nicht gerade simple Musik

          Wenn dieser Stilwechsel nun mit solchen Einschränkungen zu betrachten ist – was ist dann noch so besonders daran? Na, dass Dylan es war, der ihn vollzog! Dass er es just 1967 tat, macht die Sache denkwürdig: Dies war der Höhepunkt der Psychedelik, es erschienen „Surrealistic Pillow“ von Jefferson Airplane, die ersten beiden Doors-Platten, die Debüts von Velvet Underground und von Pink Floyd, Hendrix’ „Are You Experienced“, Creams „Disraeli Gears“, von den Rolling Stones „Their Satanic Majesties Request“ und natürlich „Sgt. Pepper“ von den Beatles – nicht gerade simple Musik, die Großwetterlage stand ganz im Zeichen des Regenbogens. Alle fragten sich natürlich, was Bob Dylan wohl als Nächstes machen würde. Und Dylan kam und ging in die entgegengesetzte Richtung, dorthin, wo sich Fuchs und Hase nach landläufiger Meinung immer noch „gute Nacht“ sagten. Nashville stand so ziemlich für alles, was die damals noch so genannte Gegenkultur nicht war und nicht wollte.

          Musikalisch bedeutete das: kleine Besetzung und denkbar unspektakuläre Arrangements, statt des dünnen, quecksilbrigen Klangs von „Blonde On Blonde“ jetzt ein ausgesprochen warmer, weicher, statt der vormals ausufernden Lyrik im Ausdruck nun ganz knapp, zuweilen kryptisch, dabei die Strophen ohne rocktypischen Refrain, „handgemacht“ ist gar kein Ausdruck, für beide Platten brauchte man, wie im Country seit jeher üblich, netto neun beziehungsweise zwölf Stunden. Dies ist umso bemerkenswerter, als von den Sessions längst nicht alles veröffentlicht wurde.

          Was nun, ein halbes Jahrhundert später, außerdem zu hören ist, bildet die wahrscheinlich längst noch nicht letzte Bootleg-Lieferung „Bob Dylan Featuring Johnny Cash – Travelin’ Thru: The Bootleg Series Vol. 15 1967–1969“ (Columbia/Sony). Es ist, qualitativ, nicht quantitativ, eine der ergiebigsten überhaupt, schon deswegen, weil die Produzenten und Herausgeber der Blendkraft des Etiketts unreleased, das schon manche Nachreichung in die Länge gezogen hat, nicht allein vertraut und folglich darauf verzichtet haben, die wichtigsten Lieder in übertrieben vielen unterschiedlichen Fassungen zu präsentieren. Das ist auch nur angemessen. Dylan war mit genauen Vorstellungen nach Nashville gegangen und hatte in Bob Johnston den idealen Produzenten; bloß nichts Überflüssiges mehr machen, Ökonomie war oberstes Gebot.

          Mit noch nie gehörter Stimme

          Die ersten fünfzehn-Bootleg-Stücke, darunter so strapazierfähiges, klassisches Material wie „All Along The Watchtower“, „Wicked Messenger“, „Dear Landlord“, „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „Lay, Lady, Lay“, unterscheiden sich, als Outtakes, kaum von denen aus den beiden so kanonisch gewordenen Alben, allenfalls in der Geschwindigkeit oder in der Höhe der Stimme. Heraus sticht allerdings „As I Went Out One Morning“: Im Vergleich zur Erstveröffentlichung trägt Dylan es hier genüsslich leidend vor, mit notorischer Schärfe, die Silben provozierend dehnend.

          Was Dylan alles im Kopf hatte, macht man sich zusätzlich klar, wenn man sich daran erinnert, dass er von Juni bis Oktober 1967 ja auch noch mit The Band in dem Holzhaus „Big Pink“ nahe Woodstock zugange war und einen beachtlichen Katalog aus Country, Folk und Beat einspielte, darunter mindestens dreißig Eigenkompositionen, die in Form von Fremdbearbeitungen großer Kollegen bald Furore machen sollten. Eine Zeitlang wirkten die tontechnisch defizitären Aufnahmen als erste Bootleg-Platte der Rockgeschichte legendenhaft im Verborgenen, wurden von Columbia 1975 offiziell als „Basement Tapes“ herausgebracht und liegen inzwischen auch in einer gleichsam historisch-kritischen, aber weniger triftigen Bootleg-Ausgabe vor.

          Von diesem Werkabschnitt wiederum ganz eigenen Rechts ist der heruntergedimmte Country von „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ indes so weit entfernt wie der Habicht vom Mond. Auf letzterem Album hatte Dylan seine Intonation so stark verändert wie nie davor und nie mehr danach. Seine Stimme klingt gesammelter, nicht mehr so weltabgewandt höhnisch, irgendwie gefasster und jedenfalls nicht wiederzuerkennen. Manchmal knödelt er fast. Und hier, im Umfeld der Sessions vom Februar 1969, kommt Johnny Cash ins Spiel: Mit seinem aus tiefster Tiefe kommenden, abwechselnd mit Dylan das „Girl From The North Country“ beschwörenden Bassbariton irritierte er die Hörer der „Nashville“-Platte damals gewaltig: Wie? Der Gegenkultur-Messias machte jetzt gemeinsame Sache mit dem Law-and-order-Man?

          Was die beiden, denen die Duettsingerei gar nicht lag, in jener Zeit noch alles eingespielt haben, bildet den wesentlichen Teil dieses Bootlegs. Sobald Cashs puckernde Gitarre loslegt, merkt man, wie primitiv seine Musik mit dem ewigen boom-chicka-boom doch ist. Dass es Dylan großartig Überwindung gekostet hätte, da mitzuspielen, muss man trotzdem nicht annehmen. Die Simplizität des Country, auch dieses speziellen, war, wie der Blues und der Folk, immer schon in ihm, Columbia wollte anfangs sogar einen zweiten Jim Reeves aus ihm machen, der er genauso wenig wurde, wie er Robert Johnson, Blind Willie McTell oder Hank Williams wurde – sie waren alle, und zwar von Anfang an, in ihm versammelt.

          Die Dylan-Cash-Lieder klingen zunächst recht gleichförmig, stimmlich ergänzt man sich erstaunlich gut, Cashs Fingerfertigkeit ist der Dylans überlegen. Das Rockmaterial aus der Gründerzeit („That’s All Right, Mama“, „Mystery Train“, „Matchbox“) haben sie im Griff. Eine schöne Überraschung bieten die Cash-Überhits: Dachte man bisher immer, nur Dylans Kompositionen hätten dieses kaum auszuschöpfende Potential, vor allem für andere Interpreten (wie Hendrix, Cocker, Rod Stewart), so kann man sich jetzt nur darüber wundern, was Dylan hier aus „Ring of Fire“ macht: Komplett umarrangiert, wirkt es beinahe wie der harte Beat, mit dem er 1965 die Welt in Erstaunen versetzt hatte.

          Bei anderen Cash-Klassikern stellt er sich dagegen ganz in den Dienst der Vorlagen. Es sind noch weitere Entdeckungen zu machen, die eine Anschaffung zusätzlich lohnen, beispielsweise Dylans schwungvoller Auftritt in der „Johnny-Cash-Show“. Deutlich ist dem gemeinsamen, so behutsamen und hier erstmals vorbildlich dokumentierten Musizieren anzumerken, welchen Respekt die beiden voreinander hatten. Dass aus der gemeinsamen Platte, die man seinerzeit ins Auge gefasst hatte, nichts wurde, muss man jetzt nicht mehr bedauern.

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