https://www.faz.net/-gqz-9t38u

Dylan-Bootlegs : Der Wandrer und sein schwarzer Schatten

  • -Aktualisiert am

Mit noch nie gehörter Stimme

Die ersten fünfzehn-Bootleg-Stücke, darunter so strapazierfähiges, klassisches Material wie „All Along The Watchtower“, „Wicked Messenger“, „Dear Landlord“, „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „Lay, Lady, Lay“, unterscheiden sich, als Outtakes, kaum von denen aus den beiden so kanonisch gewordenen Alben, allenfalls in der Geschwindigkeit oder in der Höhe der Stimme. Heraus sticht allerdings „As I Went Out One Morning“: Im Vergleich zur Erstveröffentlichung trägt Dylan es hier genüsslich leidend vor, mit notorischer Schärfe, die Silben provozierend dehnend.

Was Dylan alles im Kopf hatte, macht man sich zusätzlich klar, wenn man sich daran erinnert, dass er von Juni bis Oktober 1967 ja auch noch mit The Band in dem Holzhaus „Big Pink“ nahe Woodstock zugange war und einen beachtlichen Katalog aus Country, Folk und Beat einspielte, darunter mindestens dreißig Eigenkompositionen, die in Form von Fremdbearbeitungen großer Kollegen bald Furore machen sollten. Eine Zeitlang wirkten die tontechnisch defizitären Aufnahmen als erste Bootleg-Platte der Rockgeschichte legendenhaft im Verborgenen, wurden von Columbia 1975 offiziell als „Basement Tapes“ herausgebracht und liegen inzwischen auch in einer gleichsam historisch-kritischen, aber weniger triftigen Bootleg-Ausgabe vor.

Von diesem Werkabschnitt wiederum ganz eigenen Rechts ist der heruntergedimmte Country von „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ indes so weit entfernt wie der Habicht vom Mond. Auf letzterem Album hatte Dylan seine Intonation so stark verändert wie nie davor und nie mehr danach. Seine Stimme klingt gesammelter, nicht mehr so weltabgewandt höhnisch, irgendwie gefasster und jedenfalls nicht wiederzuerkennen. Manchmal knödelt er fast. Und hier, im Umfeld der Sessions vom Februar 1969, kommt Johnny Cash ins Spiel: Mit seinem aus tiefster Tiefe kommenden, abwechselnd mit Dylan das „Girl From The North Country“ beschwörenden Bassbariton irritierte er die Hörer der „Nashville“-Platte damals gewaltig: Wie? Der Gegenkultur-Messias machte jetzt gemeinsame Sache mit dem Law-and-order-Man?

Was die beiden, denen die Duettsingerei gar nicht lag, in jener Zeit noch alles eingespielt haben, bildet den wesentlichen Teil dieses Bootlegs. Sobald Cashs puckernde Gitarre loslegt, merkt man, wie primitiv seine Musik mit dem ewigen boom-chicka-boom doch ist. Dass es Dylan großartig Überwindung gekostet hätte, da mitzuspielen, muss man trotzdem nicht annehmen. Die Simplizität des Country, auch dieses speziellen, war, wie der Blues und der Folk, immer schon in ihm, Columbia wollte anfangs sogar einen zweiten Jim Reeves aus ihm machen, der er genauso wenig wurde, wie er Robert Johnson, Blind Willie McTell oder Hank Williams wurde – sie waren alle, und zwar von Anfang an, in ihm versammelt.

Die Dylan-Cash-Lieder klingen zunächst recht gleichförmig, stimmlich ergänzt man sich erstaunlich gut, Cashs Fingerfertigkeit ist der Dylans überlegen. Das Rockmaterial aus der Gründerzeit („That’s All Right, Mama“, „Mystery Train“, „Matchbox“) haben sie im Griff. Eine schöne Überraschung bieten die Cash-Überhits: Dachte man bisher immer, nur Dylans Kompositionen hätten dieses kaum auszuschöpfende Potential, vor allem für andere Interpreten (wie Hendrix, Cocker, Rod Stewart), so kann man sich jetzt nur darüber wundern, was Dylan hier aus „Ring of Fire“ macht: Komplett umarrangiert, wirkt es beinahe wie der harte Beat, mit dem er 1965 die Welt in Erstaunen versetzt hatte.

Bei anderen Cash-Klassikern stellt er sich dagegen ganz in den Dienst der Vorlagen. Es sind noch weitere Entdeckungen zu machen, die eine Anschaffung zusätzlich lohnen, beispielsweise Dylans schwungvoller Auftritt in der „Johnny-Cash-Show“. Deutlich ist dem gemeinsamen, so behutsamen und hier erstmals vorbildlich dokumentierten Musizieren anzumerken, welchen Respekt die beiden voreinander hatten. Dass aus der gemeinsamen Platte, die man seinerzeit ins Auge gefasst hatte, nichts wurde, muss man jetzt nicht mehr bedauern.

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.