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Neues Album von Bon Iver : Kreuzworträtsel für wunde Herzen

  • -Aktualisiert am

Justin Vernon Bild: Graham Tolbert & Crystal Quin

Bon Iver veröffentlicht sein neues, maximal rätselhaftes Album spontan sechs Wochen zu früh. Das hat mit Zahlenmystik zu tun. Bezaubernd ist es trotzdem.

          Auf dem Weißen Album der Beatles, am Ende des Songs „I’m so Tired“, gibt es jene berühmte Stelle, die man nur rückwärts versteht. Dreht man die Schallplatte falsch herum, murmelt es dort: „Paul is dead now, and I miss him, miss him, miss him!“ Damit wollten die Vier wohl eine kleine Verschwörungstheorie um sich selbst inszenieren: Vorwärts abgespielt aber hört man unverständliches Murmeln, rhythmisch, schön, doch maximal rätselhaft. Wenn man sich diese kleine Stelle zu einem ganzen Album ausgedehnt vorstellt, ist man ungefähr bei dem, was Justin Vernon mit seiner Band Bon Iver am Donnerstagabend im Internet veröffentlicht hat.

          Da ächzt und grollt es, seine Stimme plus etliches, was der Computer dazuberechnet, dann singt eine Mickymaus – und irgendwann erhebt sich aus der Kakophonie immer wieder endlich Gesang: Es wird dann zuverlässig bezaubernd. Man sagt ja immer „Indie und Folk“, wenn ein Mann an der Gitarre kommt, aber dieser Mann aus Wisconsin hat etwas ganz Neues daraus gemacht. Er hat einen elektronisch verzerrten, tief melancholischen Rock erfunden, der das Gefühl in der Maschine sucht.

          Konzept: Fans verwirren

          Offenbar gehört es zum Konzept, die Fans zu verwirren. Das neue Album „i, i“ war für September angekündigt, nun hat Vernon es spontan doch digital schon am Donnerstag veröffentlicht, am 8.8. also. Zahlensymbolik hatte schon den Vorgänger „22, A Million“ durchzogen. Diesmal haben viele Songs einzelne Silben zum Titel, Yi oder Wi, dann kommt, na klar, auch ein Frauenname: Marion. Die Entschlüsselung all der Bezüge kann einem getrost egal sein. Niemand braucht Musik als Kreuzworträtsel, aber den emotionalen Sound nimmt man gern. Auf „Holyfields“ etwa pulsiert nur ein weicher Akkord, ersetzt die Drums, Echoeffekte überdrehen, es kracht und rauscht. Vernon singt. Erst Falsett, dann brummend. Dann kommt auf einmal eine Geigenspur. Und ein regelrechter Choral. Was da alles los ist!

          Und wie es gelingt! In aller Ludwig Tieckschen Waldeinsamkeit will Vernon seine erste Platte vor zwölf Jahren allein am Laptop in einer Hütte aufgenommen haben. Für die dritte, „22, A Million“, kam er im Herbst 2016 nach Berlin und gab in einem Hinterhof ein phantastisches Privatkonzert. Um dann die Europatour lapidar „aus persönlichen Gründen“ wieder abzusagen. Ob es ein Burnout war oder eine Laune oder Weltschmerz, hat man nie erfahren. Die ganze Rätselhaftigkeit nervt durchaus. Vielleicht soll eins davor umso mehr strahlen: sein einzigartiger Klang.

          Denn Vernon singt, und der Computer berechnet weitere Stimmen parallel dazu. Das kann heute jede und jeder: Diesen Effekt erzeugen Geräte wie das TC Helicon Voice Live, das man sich für dreihundert Euro an die Stange des Mikrofonständers schrauben kann. Bloß klingt, was es dann tut, meist bescheuert und manieriert. Vernon hat es als Erster geschafft, echte Kunst herauszuholen.

          Man hat erwartet, „i, i“ sei mehr vom Gleichen – und das wäre ja nichts Schlechtes. Aber das Album dreht seinen Stil nun weiter. „Marion“ etwa ist ganz Gitarrencountry, aber dazu dann dieser sanfte Roboterchor, und Flöten, und Freiheit. Er singt von der „rising sea“ und seiner Liebe. Es geht bei Vernon immer um Natur, Countryside, Berge, seine erste Band hieß Mount Vernon. Was er dort verliert, ist immer sein Herz. Nun singt er sich tiefer in die schroffe Natur hinein, in neue Höhen und Höhlen. Und man möchte immer nur mit, immer noch weiter.

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