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Zum Tod von Bobby Bland : Sein Lebenslauf der Liebe

Man beachte die Gesamterscheinung: Bobby „Blue“ Bland, 1974 Bild: Getty

Zwischen Grunz-, Knurr- und Gurgellauten trat ein Musiker zutage, dessen künstlerische Prinzipien Anteilnahme und Trost waren. Zum Tod des Rhythm-&-Blues-Musikers Bobby Bland.

          Die einst in missbilligender Absicht so genannte Race Music, die Blues und Gospel unter sich fasste, beides aber, wie die Hautfarben, streng getrennt wissen wollte, fand um 1950 ihre Überwinder: Ray Charles, B.B. King, Ike Turner, im Grunde auch Elvis Presley, um nur die wichtigsten zu nennen, machten aus dem, was fast nur in Schwarzen-Gettos zu hören war, Rhythm&Blues, der unter dem Namen „Soul“ (und mit anderen Protagonisten) dann in den sechziger Jahren eine absolute Massenattraktion wurde.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Zu den Pionieren dieser musikalisch und sozial so ungeheuer wichtigen Integrationsarbeit, von der noch die Post-Michael-Jackson- und Whitney-Houston-Ära des Hiphop zehrt, gehört zweifellos auch Bobby „Blue“ Bland. Man muss ihn nicht künstlich zu einem der Stammväter dieser Generation ernennen; und doch ist es bezeichnend, dass sich in jüngerer Zeit so unterschiedliche Musiker wie der Rapper Jay-Z und der Soulpop-Sänger Mick Hucknall auf ihn besonnen und Lieder von ihm eingespielt haben.

          Der Erfinder der Schnappatmung

          1930 in Rosemark, Tennessee, geboren, wuchs er in Memphis, der Zentrale für jede Form von bluesgetränkter Unterhaltungsmusik, im Dunstkreis von B.B. King auf, dessen Chauffeur er anfangs war. Nach allerlei Bühnenauftritten, zu denen der König der Bluesgitarre ihn genötigt hatte, war klar, was in diesem Adlatus steckte: ein Bariton von seltener Expressivität, der vom Schluchzen bis zum Zornausbruch alle Gemütslagen beherrschte, die in dieser Fülle aber auch nötig sind, damit der Blues auf die Dauer nicht eintönig wird.

          Man könnte Bland, wenn das Wort nicht inzwischen etwas veralbert wäre, sogar als den Erfinder und gleichzeitig auch unübertroffenen Meister der Schnappatmung bezeichnen; denn diesen immer so plötzlich hervorbrechenden Grunz-, Knurr- und Gurgellaut „Ngchchrrr!“ hatte damals und hat auch heute niemand im Repertoire.

          Die Ritualität von Tröstung und Anteilnahme

          Als der Blueslehrling 1954 aus dem Militärdienst entlassen wurde, konnte er seine Karriere auf dem Fundament fortsetzen, das er mit 1951 eingespielten, nachmals klassisch gewordenen Titeln wie „It’s My Life“, „Time Out“ und vor allem dem später von Ike und Tina Turner so effektvoll gecoverten „I Smell Trouble“ gelegt hatte.

          Schon damals zeichnete sich ab, dass er sich innerhalb des Spektrums zwischen Aufruhr und Tröstung (gelegentlich auch Selbstmitleid) lieber in der Nähe zu Letzterer aufhielt. Bobby Bland war kein Hitzkopf oder Aufwiegler, seine Bühnenauftritte waren Rituale einer insgesamten Anteilnahme, die in dieser Intensität nur mit den Shows von Solomon Burke vergleichbar waren.

          Charisma und Katharsis in einer Person

          Die Sechziger wurden sein erfolgreichstes Jahrzehnt: „Cry, Cry, Cry“, „I Pity the Fool“, „Turn on Your Love Light“, „That’s the Way Love Is“ - Bland steuerte Unschätzbares zum R-&-B-Katalog bei, aus dem sich dann so ziemlich jeder bediente, der in dieser Sparte geschmacksbildend wirkte. Aber es war nicht die Musik allein, sondern, wie bei allen großen Interpreten, die Gesamtpersönlichkeit, die diese immense Wirkung erzielte, „eine dramatische Synthese von Charisma, Katharsis und Solidarität“, wie es der Ethnologe Charles Keil seinerzeit formulierte und damit die tiefere Bedeutung eines soul brother ergründete, der Bland in vielerlei Hinsicht war.

          Obwohl mit dem ablaufenden Jahrzehnt sein Einfluss etwas zu schwinden begann, weil es andere Attraktionen gab - seine musikalisch machtvollsten Platten spielte er in den frühen siebziger Jahren mit Hilfe des Produzenten Steve Barri ein, der zur selben Zeit auch die Four Tops frisch machte: „His California Album“ und „Dreamer“ waren, wie die gleichzeitig und ebenfalls bei ABC Records eingespielten Bluesrockplatten B.B.Kings, vortreffliche Beispiele dafür, welch Kostbarkeiten so ein Afterglow abwerfen kann.

          Blands raspelnder Stil kam hier noch einmal zur vollen Entfaltung und riss mit überragenden Songs wie „Really Got to Use My Imagination“ und „Ain’t no Love in the Heart of the City“ die letzten Barrieren ein, die zwischen Blues, Gospel und Rock noch bestehen mochten.

          Er blieb unermüdlich, spielte viel mit dem alten Gefährten B.B. King und brachte noch im Alter Platten heraus. Nun ist Robert Calvin „Bobby Blue“ Bland im Alter von 83 Jahren in Memphis gestorben.

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