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Dylans neues Album : Die Philosophie von Key West

  • -Aktualisiert am

Sie führt zum südlichsten Punkt der Vereinigten Staaten, an den Rand der Kultur, die Bob Dylan im Lied archiviert: Die Seven Mile Bridge in Florida. Bild: mauritius images / Sergey Cherny

Hinterm Horizont, geht’s da noch weiter? Bob Dylans großartiges neues Album „Rough and Rowdy Ways“ sieht den Kanon der westlichen Kultur vom Verschwinden bedroht und tut deshalb alles, um ihn zu bewahren.

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          Wenn man das Innovationsgerede der Werbung ernst nähme oder seine im Pop-Journalismus totgefloskelte Entsprechung des ständigen Sichneuerfindens, müsste Bob Dylan heute mit Cloudrappern kollaborieren und seine Stimme in Autotune baden. Doch Pustekuchen, was bekommen wir stattdessen? „A red Cadillac and a black mustache“, und dann singt er auch noch, er müsse sich für nichts entschuldigen. „Rough and Rowdy Ways“ heißt sein neues Album. Ein alter weißer Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet?

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht hat dieses kommende Woche erscheinende Album, das, vorweggesagt, großartig ist, sogar gewisse parodistische Züge. Aber im Großen und Ganzen scheint es Dylan sehr ernst zu sein mit der elegischen Rückschau, die weit über das eigene Werk und die eigene Zeit hinausgeht. Mit neunundsiebzig ist der vielleicht größte Erneuerer der Liedform im zwanzigsten Jahrhundert damit in guter Gesellschaft: Der etwas ältere Leonard Cohen hatte kurz vor seinem Tod mit „You Want it Darker“ noch ein musikalisches Testament hinterlassen, und der etwas jüngere Neil Young hat gerade angesichts eines aus dem Archiv veröffentlichten Albums von 1974 lustig gesagt: „Folgt uns nach 2020, damit wir euch die Vergangenheit bringen können.“

          Dieser Leitsatz könnte ebenso über Dylans erstem Album mit eigenem Material seit „Tempest“ (2012) stehen. Mehr noch: Es verdichten sich seit nunmehr zwei Jahrzehnten die Belege dafür, dass Dylan sein Spätwerk dem Sammeln und Bewahren verschrieben hat. Das sieht man am Liedgut seit dem Album „Time Out of Mind“ (1997) ebenso wie an der Radiosendung „Theme Time Radio Hour“, die Dylan in über hundert einstündigen Folgen moderiert hat.

          Den Kanon singen: Bob Dylan als Harold Bloom der Popmusik?
          Den Kanon singen: Bob Dylan als Harold Bloom der Popmusik? : Bild: dpa

          Sie stellt eine Enzyklopädie der amerikanischen Popmusik insbesondere des frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhunderts dar. Die Aufnahmen aus dem „Great American Songbook“, die Dylan auf dem Sammelalbum „Triplicate“ (2017) veröffentlichte, waren dasselbe, nun von ihm selbst gesungen. Seine Nobelpreisrede: ein Kanon der Moderne, didaktisch aufbereitet.

          Wird er auch noch Chopin spielen?

          Und dann kam vor einigen Wochen das sechzehn Minuten lange Lied „Murder Most Foul“: noch so ein Kanon, nunmehr in gesungener Form, und ein Vorbote auf das neue Album, auf dem besagtes Lied nun die zweite CD füllt. Die erste beginnt mit einer Art Zwillingsstück, dessen Titel Walt Whitman zitiert und verrät, was wir von Dylan freilich längst wussten: „I Contain Multitudes.“ Der Schlüsselsatz aus Whitmans „Song of Myself“, der am Beginn der literarischen Moderne mit ihrer charakteristischen Vielstimmigkeit steht, steht zugleich für den katalogisierenden Zug in Dylans Spätwerk, mit dem er literarische und Songtitel, Dichternamen und Verse in eine lyrische Suada integriert, die sich auf diesem Album über Songgrenzen hinwegzusetzen scheint: „Got a tell tale heart like Mr. Poe / Got skeletons in the closet of people you know“, singt er am Anfang, und am Schluss: „I played gumbo limbo spirituals / I know all the Hindu rituals“. In einem Song lernt das lyrische Ich Sanskrit, in einem anderen versucht es, Shakespeare zu verstehen. Auch am Klavier und in der Malerei ist es dem lebenslangen Lernen verpflichtet: „ I play Beethoven Sonatas and Chopin Preludes“. Dass Dylan tatsächlich auch diese noch aufnehmen wird, wollen wir nicht unbedingt hoffen. Davor schützt ihn vielleicht die Selbstironie: „I paint landscapes and I paint nudes / I contain multitudes“.

          Auch musikalisch enthält das Album Vielfalten: Dylans große Spätwerk-Band mischt nun schon seit einer Weile Blues-, Country- und Zydeco-Einflüsse so sicher wie im Schlaf – oder stiehlt auch einfach mal die Barcarole aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, um sie zur Grundmelodie der sehr eingängigen Liebesballade „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ zu machen. Ist damit auch angedeutet, dass Dylan uns nun endlich als er selbst gegenübertritt, ohne Maske? Das kann man für einen Moment annehmen, aber ist es dann auch derselbe, der im tiefschwarzen „Black Rider“ klagt: „You been on the job too long“, derselbe, der bald darauf im Witzbluesmodus feststellt: „Three miles north of purgatory, one step from the grave beyond / I prayed to the cross, I kissed the girls and I crossed the Rubicon“? Ist es derselbe, der dann doch wieder sehr versöhnlich die „Mother of Muses“ anruft und zahlreichen anderen Musikern und Dichtern en passant die Ehre erweist, darunter Ginsberg, Kerouac und dem Bluesmann Jimmy Reed ? Auf einen Nenner kommen diese Figuren zumindest in ihrer Beschwörung des Kanons: Bob Dylan als Harold Bloom der Popmusik?

          Wer nun den Eindruck hat, Dylan schwelge zwar in Geschichte, habe aber zur aktuellen Lage Amerikas nichts zu sagen, irrt. Er hat in „Murder Most Foul“ schon zu ihrer treffendsten Beschreibung gefunden, die weit über den Kennedy-Mord hinaus auch unsere Gegenwart erfasst, und das Album ist so etwas wie eine noch ausführlichere, collagierte Antwort auf die Frage, was die Welt zusammenhält: eben „Rough and Rowdy Ways“. Darüber hinaus hat Dylan sich auch gerade  in einem Interview mit der „New York Times“  zum Tode George Floyds geäußert. „It sickend me no end to see George tortured to death like that“, sagte Dylan, der selbst aus Minnesota stammt, wo jener „murder most foul“ stattgefunden hat. Über den Entstehungsprozess der neuen Songs gibt der Sänger dort interessante Auskunft: Er habe manche davon in einer Art Trance-Zustand geschrieben, alles aufnehmend, was ihn durchströmte.

          Das letzte, wiederum epische Stück auf dem neuen Album, es heißt „Key West (Philosopher Pirate)“, stellt eine Art kondensierte Bilanz der westlichen Kultur dar, abgehört auf einem Piratensender. Dylan führt darin die Geschichte Amerikas und die seines Lebens an einem mythischen Zwischenort im Süden Floridas zusammen, sehr anspielungsreich und rätselhaft. Ein Fest für Dylanologen, und einfacher gesagt, ein schönes Lied: „Key West is fine and fair / If you lost your mind you’ll find it there“.

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