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„Fallen Angels“ von Bob Dylan : Hoch auf dem Golden Oldie

Bild: dpa

Bob Dylan dreht Musik anderer Leute von Hand im Grabe um: Sein neues Album „Fallen Angels“ erscheint zu seinem 75. Geburtstag, stolpert und fällt am Ende auf sich selbst herein.

          4 Min.

          Höre und staune, so kann man das Hochgefühlspanoramadrama „It had to be you“ also auch interpretieren: als Torkelschwof für die volltrunkene letzte Phase bei der Engtanzparty, wenn die Leute nur noch sachte widereinander schwanken, Tannenwipfel im Abendhauch. Der kleinste, feinste Schlagzeugbesen beschmiert in geduldiger Streichbewegung das zarte Filetstück des ewigschönen Liedes mit dem flüssigen Eigelb klebriger Sentimentalität, dann darf ein wehmütiges, uraltes Krokodil die Bescherung mit den Seelenbröseln seiner Tabakkrümelstimme bestreuseln, Ladies and Gentlemen, Bob Dylan: „might never be cross, or try to be boss“ – so also nimmt er Frank Sinatra jetzt ein Wort aus dem Mund, das er selbst schon hübscher gesungen hat, nämlich als „All I really want to do is, baby, be friends with you.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Hören Sie das? Diese komplett geheimnislose, völlig mit sich selbst einige Gitarre, nach deren sauberem Sound Lou Reed vor „New York“ (1989) zwanzig Jahre lang erfolglos suchen musste? Der Arrangeur Bob Dylan hat sie jetzt wiedergefunden; sie lag unterm Waschbecken, in einer Wanne mit abgestandenem Geschirrspülmittel. Geistloser kann Sauberkeit nicht klingen.

          Dylan, der große Musiker, berühmte Dichter und Zeuge eines amerikanischen Jahrhunderts, sitzt also zum wiederholten Mal hoch auf dem Golden Oldie und erklärt des Kaisers olle Klamotten (lies: Kamellen) zur Frühjahrskollektion seiner traditionsreichen Maßschneiderei. Widerstand ist herzlos: Alles schnippt mit den Fingern, wenn auf „On a Little Street in Singapore“ ein molliges Nostalgiefeuerchen im Kamin eines gemütlichen Wimmerzimmers unter leise jaulender Zupfdudelbegleitung vor sich hin knistert und die Nummer dann plötzlich so abrupt aufhört, als würde ein Liebesroman mit dem Satz beendet: „Und dann kriegen sie einander halt.“

          Nicht jeder Genuss verträgt Publikum

          Die Platte, auf der dies geschieht und die man von heute an kaufen kann, heißt beziehungsreich „Fallen Angels“. Nicht alles darauf ist so deprimierend schlecht wie das Geschilderte. „That Old Black Magic“ zum Beispiel federt flott wie ein Schwärmchen Angry Birds; die Idee, das Wort „Kiss“ mit einem furchtlosen Kick zu bekräftigen, ist grob und platt, also ein tüchtiger Hit. Umso schlimmer spukt der Rest, am schlimmsten die Eröffnung mit „Young at Heart“, vorgeknödelt im Gestus „Mir doch egal, wie das Ding geht, ich bin, wie ich bin“, eine Verwechslung von Gehabe mit Kunst, die als Auftakt für einen Rundgang durch Archivbestände wirkt, als würde sich jemand mit ironischem Augenzwinkern als der neunte der sieben Zwerge vorstellen.

          Ist ihm so langweilig? Langweilig war ihm ja immer wieder. Aber dann hat er im besten Fall sich selbst, andere oder seine Instrumente dafür eben büßen lassen (akustische Gitarre? Nichts da. Stimme einer Generation? Von wegen. Lieder mit kritischem Dings? Ihr könnt mich mal), und alle hatten was von der Kurskorrektur. Und jetzt? Ein Hain von unfruchtbaren, spät gepflanzten Apfelbäumchen mit wächsern glänzenden Plastikfrüchten dran. Alte Männer, ohne die der Planet Musik ein anderer wäre, sollen ihren Lebensabend genießen dürfen wie jedes andere Tierchen. Aber nicht jeder Genuss braucht und verträgt Publikum, und wenn Bob Dylan beim Häuten der Zimbel seine Jugenderinnerungen wiederfindet, ist das nur für verrentete Kulturstaatsministerialbeamte automatisch interessanter als, sagen wir: revanchistischer Schlagerschmutz, der gerade den Eurovisionswettbewerb gewonnen hat.

          Wie ein opportunistisch zusammengeraffter Radionachmittag

          Haben Sie schon mal Ella Fitzgerald zugehört, wie sie „Skylark“ singt? Dylan dreht diesen Diamanten mit der Kitschkurbel von Hand in einem Grab um, das er ihm mit der andern Hand persönlich geschaufelt hat, und versucht dann, ihn in der Flamme seines Sodbrennens knusprig zu grillen. Dazu setzt es stahlblanke Saitenkrakel als geölte Beilagenblitze; die passende Schmiere kommt von rheumatischen Countrygeigen, fertig ist die Vollblamage. Das Einzige, was da noch fehlt, ist ein Triangelsolo. Merkt’s wer? Oder liegt die Singer-Songwriter-Philologie wie gehabt betend auf dem Bauch, wenn König Kauz fremdverfasste Wunder vom Blatt verhaut? Diese Fachwelt behauptet ja, wenn Dylan solche Sachen anstellt, immer gern, der Meister gebe sich dabei selbstlos als Gefäß her, in dem bedrohtes Liedgut die Verstörungen eines von neuem Unfug ohne Zahl und Wahl überladenen Gegenwartsklangkosmos ein Album lang überdauern dürfte, weil er ihm Schutz gewährt mit seiner nie auftrumpfenden, ganz bescheidenen Sorte Autorität.

          Darf er das? Er macht es einfach: Bob Dylan, Interpret, Arrangeur und Instrumentalist von Vermischtem
          Darf er das? Er macht es einfach: Bob Dylan, Interpret, Arrangeur und Instrumentalist von Vermischtem : Bild: Polaris/laif

          Bewahrung, Hege, Trost, Erinnerung: schön wär’s. Aber für ein Gefäß hält man diese Dylan-Rolle nur, weil sie leer ist. Bewahrt wird davon nichts treuer, als wenn ein Algorithmus im iPod-Shufflemodus Sachen nebeneinanderkopiert, für deren Kompossibilität nichts bürgt als die Zufallsnähe oder ein Markenname wie „Dylan“. Ein Album soll das sein? Frank Sinatra, dem sich Dylan neuerdings so gern ans Bein bindet, hat Alben gemacht, ohne dass das notwendig immer Konzeptplatten oder, wie’s heute gern schnarrt, „Narrative“ gewesen wären: „In The Wee Small Hours“ (1955) ist so ein Album aus Einzelschönheiten, „Songs for Swingin’ Lovers!“ (1956) ist ein anderes; man höre beide am Stück durch und wird im Vergleich dazu merken: „Fallen Angels“ ist ein opportunistisch zusammengeraffter Radionachmittag, aufgenommen mit Ärmelschonern und in langen Unterhosen.

          Wahrscheinlich werden so was in zwanzig Jahren künstliche Intelligenzen übernehmen. Vielleicht ist Bob Dylans Midlife-Crisis – denn darum scheint es sich bei dieser Pleitepolonaise zu handeln, weil man ihm in Anbetracht seines Lebenswerkes ja wünschen darf, er würde 150 Jahre alt – dann schon wieder vorbei, und er sieht ein, dass die Sinatras und Fitzgeralds qua allerlei Nostalgie- und Authentizitätsbetrug ohnehin dauernd präsent sind, weswegen er sich lieber wirklich verschütteten und vergrabenen Dingen zuwenden sollte, vielleicht den Neunzigern. Wie wär’s mit Mundharmonikafassungen von Beck- und Eminem-Erfolgen oder irgendetwas anderem, mit dem es ihm gelingen mag, zu demonstrieren, dass Verehrung wie Schimpfe ihn immer noch notwendig verfehlen müssen, weil er weiterhin einer Kunst entgegenstrebt, die sich außer ihm niemand vorstellen kann, bis er sie eines Tages hinkriegt?

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