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„Fallen Angels“ von Bob Dylan : Hoch auf dem Golden Oldie

Wie ein opportunistisch zusammengeraffter Radionachmittag

Haben Sie schon mal Ella Fitzgerald zugehört, wie sie „Skylark“ singt? Dylan dreht diesen Diamanten mit der Kitschkurbel von Hand in einem Grab um, das er ihm mit der andern Hand persönlich geschaufelt hat, und versucht dann, ihn in der Flamme seines Sodbrennens knusprig zu grillen. Dazu setzt es stahlblanke Saitenkrakel als geölte Beilagenblitze; die passende Schmiere kommt von rheumatischen Countrygeigen, fertig ist die Vollblamage. Das Einzige, was da noch fehlt, ist ein Triangelsolo. Merkt’s wer? Oder liegt die Singer-Songwriter-Philologie wie gehabt betend auf dem Bauch, wenn König Kauz fremdverfasste Wunder vom Blatt verhaut? Diese Fachwelt behauptet ja, wenn Dylan solche Sachen anstellt, immer gern, der Meister gebe sich dabei selbstlos als Gefäß her, in dem bedrohtes Liedgut die Verstörungen eines von neuem Unfug ohne Zahl und Wahl überladenen Gegenwartsklangkosmos ein Album lang überdauern dürfte, weil er ihm Schutz gewährt mit seiner nie auftrumpfenden, ganz bescheidenen Sorte Autorität.

Darf er das? Er macht es einfach: Bob Dylan, Interpret, Arrangeur und Instrumentalist von Vermischtem
Darf er das? Er macht es einfach: Bob Dylan, Interpret, Arrangeur und Instrumentalist von Vermischtem : Bild: Polaris/laif

Bewahrung, Hege, Trost, Erinnerung: schön wär’s. Aber für ein Gefäß hält man diese Dylan-Rolle nur, weil sie leer ist. Bewahrt wird davon nichts treuer, als wenn ein Algorithmus im iPod-Shufflemodus Sachen nebeneinanderkopiert, für deren Kompossibilität nichts bürgt als die Zufallsnähe oder ein Markenname wie „Dylan“. Ein Album soll das sein? Frank Sinatra, dem sich Dylan neuerdings so gern ans Bein bindet, hat Alben gemacht, ohne dass das notwendig immer Konzeptplatten oder, wie’s heute gern schnarrt, „Narrative“ gewesen wären: „In The Wee Small Hours“ (1955) ist so ein Album aus Einzelschönheiten, „Songs for Swingin’ Lovers!“ (1956) ist ein anderes; man höre beide am Stück durch und wird im Vergleich dazu merken: „Fallen Angels“ ist ein opportunistisch zusammengeraffter Radionachmittag, aufgenommen mit Ärmelschonern und in langen Unterhosen.

Wahrscheinlich werden so was in zwanzig Jahren künstliche Intelligenzen übernehmen. Vielleicht ist Bob Dylans Midlife-Crisis – denn darum scheint es sich bei dieser Pleitepolonaise zu handeln, weil man ihm in Anbetracht seines Lebenswerkes ja wünschen darf, er würde 150 Jahre alt – dann schon wieder vorbei, und er sieht ein, dass die Sinatras und Fitzgeralds qua allerlei Nostalgie- und Authentizitätsbetrug ohnehin dauernd präsent sind, weswegen er sich lieber wirklich verschütteten und vergrabenen Dingen zuwenden sollte, vielleicht den Neunzigern. Wie wär’s mit Mundharmonikafassungen von Beck- und Eminem-Erfolgen oder irgendetwas anderem, mit dem es ihm gelingen mag, zu demonstrieren, dass Verehrung wie Schimpfe ihn immer noch notwendig verfehlen müssen, weil er weiterhin einer Kunst entgegenstrebt, die sich außer ihm niemand vorstellen kann, bis er sie eines Tages hinkriegt?

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