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Bob Dylan und Mark Knopfler in Oberhausen : Klingt nach Rotwein aus dem Bio-Markt

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In Oberhausen scheint er der Hauptact für das Publikum gewesen zu sein, obwohl noch eine weitere Legende mit Bob Dylan auf der Bühne stand Bild: dpa

Die Leute wollen Mark Knopfler in Oberhausen hören, Bob Dylan tänzelt dazu und ist dem Publikum dabei so nah, wie es keiner vor Jahren erwartet hätte.

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          Die zweitschönste Erkenntnis des Abends: Die von Bob Dylan seit einiger Zeit gepflegte Art, vorne am Gesangsmikrofon herumzustehen, scheint direkt aus dem Handbuch für orthopädisch bedenkliche Körperhaltungen zu stammen. Seltsam verschränkt steht er da, den Kopf leicht geneigt, bald theatralisch die Hand ausstreckend, bald einen Fuß anhebend. Das Ganze sieht gleichzeitig so lässig und spinnert aus, dass Liam Gallagher vermutlich vor Neid seinen Schellenkranz aufessen würde.

          Die schönste Erkenntnis des Abends aber ist diese: Fünfundvierzig Jahre nachdem ihn enttäuschte Fans „Judas“ schimpften, im Jahr seines siebzigsten Geburtstags und zu einem Zeitpunkt, als ihm mancher ernsthaft den Literaturnobelpreis zugetraut hatte, ist Bob Dylan immer noch in der Lage, entnervte Zuhörer in Scharen aus seinem Konzert zu treiben. „Something is happening here and you don’t know what it is“, krächzt er mit reichlich Gruselecho in der Stimme, während unzählige Paare, deren Vorstellung von einem „schönen Konzertabend“ wohl anders aussieht, die Gelegenheit nutzen, den Stau nach dem Konzertende zu vermeiden.

          Arenarock ist lange her

          Das hat auch andere Gründe: Dylan spielt in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen offenbar vor einem Mark-Knopfler-Publikum. Dylan und Knopfler, deren Wege sich erstmals 1979 kreuzten, als der Ältere gerade seine Phase als wiedergeborener Christ einläutete und den jungen Gitarristen als Studiomusiker anheuerte, sind derzeit gemeinsam auf Europa-Tournee. Naturgemäß eröffnet Knopfler, dann folgt Dylan. Besonders glücklich ist diese Kombination trotz des Interesses beider Musiker an alten populären Musikspielarten nicht.

          Dem weitgereisten Mark Knopfler seine Zeit als stirnbandbewehrter Arenarocker vorzuwerfen wäre billig. Es gibt wohl keinen ehemaligen Rockstar, der sich musikalisch so weit von seiner Mainstream-Erfolgsphase entfernt hat wie er. Doch auch wenn seine Musik kompetent alten Folk-, Country- und Blues-Spielarten nachtastet, behält sie stets etwas Redliches, Ordnungsgemäßes und leider kein bisschen Wahn. Er höre ihn gern im Auto, ist der Herr auf dem Nebensitz zu vernehmen, vom Hocker reiße ihn das hier aber keinesfalls.

          Das tonal fragwürdige Irgendwas

          Und dann spielt Knopfler tatsächlich noch „Brothers in Arms“ und „So Far Away“. Diese Musik ist wie Rotwein aus dem Bio-Supermarkt: Alles vollkommen in Ordnung, handwerklich nicht zu beanstanden, doch das wirklich großartige Zeug gibt es anderswo. In Oberhausen aber wird er gefeiert: Bei den Soli gibt es Szenenapplaus, man betreibt sitzend Mitklatscherei, und am Ende der Stücke stehen weite Teile des Publikums auf, allerdings nur, um sich gleich wieder hinsetzen zu können.

          Und Bob Dylan? Der kommt im schwarzen Anzug und mit weißem Hut auf die Bühne geschlendert und bestätigt gleich mit dem dahingerotzten „Leopard-Skin Pill-Box Hat“ die Binse, dass er immer noch der Größte ist, weil er das, was er nahezu im Alleingang in den Sechzigern erfunden hat, immer noch lebendig hält, ohne je sein Alter zu leugnen. Knopfler ist auch da und spielt für einige Songs mit. Bei „It Ain’t Me, Babe“ spielen die beiden Männer nebeneinander Gitarre: Knopfler liefert geschmackvolle Licks, Dylan wiederum spielt dieses tonal fragwürdige Irgendwas, das er immer zum Besten gibt, wenn er dieser Tage eine Gitarre in die Hand nimmt.

          Als „historisch“ mögen Freunde großer Wörter dann die gemeinsame Aufführung von „Blind Willie McTell“ bezeichnen: Der Song gilt als einer der besten aus Dylans problematischen Achtzigern, allerdings hatte der ewig Eigensinnige das mit dem Produzenten Knopfler aufgenommene Stück damals zugunsten schwächerer Songs nicht veröffentlicht. Richtig großartig geraten Dylan später das spukige „Love Sick“, „The Leeve’s Gonna Break“ mit irrem Orgelsolo vom Chef und eine schöne Fassung von „Tryin’ to Get to Heaven“. Derweil strömt es weiter nach draußen. Einen schönen gemütlichen Nostalgieabend mit einem jovialen Onkel Dylan in Best-of-Laune? Es sollte sich doch eigentlich längst herumgesprochen haben: It Ain’t Me, Babe.

          Dabei könnte man, wenn man Dylan dieser Tage spielen sieht, auf eine absurde Idee kommen: Vielleicht muss man aufhören, ihn als Suchenden zu begreifen. Sosehr man ihn als Werkumkrempler und Alles-auf-den-Kopf-Steller sehen muss, sosehr wirkt er doch inzwischen wie ein, man mag es kaum aufschreiben, Angekommener. Ein im eigenen Werk Angekommener. Wie einer, der nach unzähligen Verwandlungen und Häutungen, ja fast nach unzähligen Leben - als Troubadour, als Baron Münchhausen, als Amphetaminkopf, als Zurückgezogener, als Zigeuner, als Prediger, als has been, als erster würdiger Alt-Rockstar - zu sich gefunden hat.

          Dylan als Helge Schneider auf einer Hochzeit

          Dylan verbringt mehr Zeit vorne am Bühnenrand, als man es noch vor drei Jahren für möglich gehalten hätte. Er posiert und tänzelt, bei den Mundharmonikasoli geht er immer wieder in die Knie - es ist eine Freude. Er sieht inzwischen aus wie ein zwielichtiger Spelunkenbesitzer im New Orleans der Fernsehserie „Treme“. Dazu klingt er wie ein durchtriebener Hochzeitsmusikant, der sich zwar an die Liste mit den Wunschsongs hält, sich deren Interpretation aber vorbehält. Manchmal tönt es auch, als würde Helge Schneider in Las Vegas düstere Bluesrock-Exorzismen aufführen.

          Doch egal, wie man den Unfassbaren zu greifen versucht - eines gilt immer noch: Man muss schon zu ihm gehen, er kommt zu niemandem. Oder man geht eben nach Hause.

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