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Bob-Dylan-Kongreß : Denk zweimal, das paßt schon

Schon mit 22 Jahren stand er auf der Bühne Bild:

Die Wiedergeburtenrate steigt: In Frankfurt hat sich ein wissenschaftlicher Kongreß mit Leben und Werk von Bob Dylan befaßt. Es war der Gründungsakt eines linken Amerikanismus.

          Wollten wir uns in alter Weise ironisch über das Establishment auslassen, wir könnten mit dem Grußwort des Frankfurter Kulturdezernenten Nordhoff beginnen, der den Dylan überstoiberte, als er seine Liebe zu dem Lied „It's All Over Now, Baby-äh-Blue“ bekannte. Wollten wir kulturpessimistisch lamentieren, dann könnten wir feststellen, daß da an drei Tagen eine langsam ergrauende Generation weitgehend unter sich blieb.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nirgends ist ja das Gedächtnis so gnadenlos kurzfristig, auf Identifikationsfiguren von Jahrgangskohorten fixiert wie in der Pop-Welt, auch wenn jeder zweite Redner mit einiger Rührung berichtete, den eigenen Nachwuchs nun doch für das Werk des Genius gewonnen zu haben. Aber sagen wir es gleich und unzweideutig: Der Frankfurter Kongreß über Bob Dylan, veranstaltet vom Institut für Sozialforschung und dem Hessischen Rundfunk, vorab mit einiger Skepsis betrachtet, hatte ein ganz ungewöhnlich hohes Niveau.

          Massive Enttäuschungen

          Bob Dylan ist, so viel weiß man, ein Künstler, der sich immer wieder verwandelt hat. Er kam aus der kryptokommunistischen Folk-Bewegung der frühen sechziger Jahre und enttäuschte seine Anhänger nicht zum ersten Mal, als er am Ende des Jahrzehnts Lieder mit Johnny Cash aufnahm, der ja ein ganz anderes Amerika zu vertreten schien als Dylan. Eine weitere, massivere Enttäuschung - noch auf dem Kongreß in manch abfälliger Nebenbemerkung spürbar - brachte seine christliche Konversion Ende der siebziger Jahre.

          Das Verdienst des Musikwissenschaftlers Richard Klein war es nun, im Eröffnungsvortrag alle vorgefaßten Urteile über diese Wendungen souverän beiseite zu schieben. Der „Trend zur Normalität“ in der Zusammenarbeit mit Cash sei ein Schein; wer von der Entwicklung der Stimme ausgehe, der beobachte vielmehr einen gelösteren Gesang, die „Erschließung eines neuen Resonanzraumes“. Die radikale, unnahbare Ferne der Stimme in den frühen Liedern war ein Kunstprodukt, das Dylan bewußt aufgab. Auch die Lieder aus der Zeit der Konversion deutete Klein vor allem als musikalische Ereignisse: Der Kreuzzug war eine „Kunstexplosion“, noch einmal erschloß sich der Sänger neue Dimensionen des leiblichen Ausdrucks. Daß nun die Stimme zu „leuchten“ begann, war, so Klein, eben der religiösen Wendung zu danken.

          Eine amerikanische Wiedergeburt

          Der Frankfurter Musikjournalist Peter Kemper schilderte die Beziehung John Lennons zu Dylan als Mikrokosmos aller Faszinationen und Enttäuschungen: von den Einflüssen der sechziger Jahre bis zur Abwendung in Lennons Liedzeile „I don't believe in Zimmerman“ und einer bitteren Parodie von Dylans Surrealismen. Auch Klaus Theweleit beschrieb die Wendung zum evangelikalen Christentum, die sich, von Europa aus gesehen, so merkwürdig ausnimmt. Dabei ist es eine Eigenart auch der säkularen Literatur Amerikas, das Erweckungserlebnis weit über die Dogmatik zu stellen - es gehört gleichsam zur amerikanischen Normalbiographie, irgendeine „Wiedergeburt“ vorweisen zu können.

          Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering bot im Anschluß eine glänzende Analyse von Dylans Judenchristentum: Schon vor der vielbeschworenen Wendung vermochte er die Tagespolitik nur im Rahmen heilsgeschichtlicher Ideen zu verstehen. Detering fand eine schöne Formel: „Sünde“ nenne Dylan, was bei Adorno „Verblendungszusammenhang“ heiße. Deutlich wurde auch, daß jede Verwandlung des Sängers nur ein Schritt zu einer weiteren Rettung der amerikanischen Liedtradition in ihrer ganzen Breite war - er löste eine nationale Aufgabe.

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