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Bob Dylan in Peking : Was geschieht hier, Mr. Hu?

  • -Aktualisiert am

Auch wenn manche ihn hier googeln müssen: Bob Dylan ist in China die größte Legende der westlichen Popkultur Bild: AFP

Er hatte dem Kulturministerium versprochen, sich an das Programm zu halten, aber „Mr. Jones“ wurde dennoch ausgewechselt: Bob Dylan sorgt bei seinem ersten China-Konzert für frischen Geist.

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          Bob Dylan in Peking, das war wie ein surrealer Traum, in dem kein Teil zum anderen passte und der gerade dadurch am Ende eine aberwitzige Stimmigkeit erhielt. Ai Weiwei war weiter festgesetzt, und es war ein milder Frühlingsabend, sogar mit Blütendüften, wie sie in Peking selten sind. „Enjoying beautiful life“ forderte die rote Banderole an der Fußgängerbrücke, die zum Arbeiterstadion führt, dem Schauplatz von Massenkritikversammlungen in den sechziger Jahren, als Dylan seine erste große Phase schon hinter sich hatte.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Arbeitersporthalle nebenan ist trotz der gepfefferten Preise fast ganz gefüllt, und zwar keineswegs überwiegend mit betagten Ausländern, sondern zu schätzungsweise zwei Dritteln mit Chinesen, viele davon sehr jung. Spitzen der Musikszene wie Cui Jian, der sogenannte Vater des chinesischen Rock 'n' Roll, der Liedermacher Wang Feng oder die Folkrock-Sängerin Ai Jing sind gekommen. Aber auch in weiteren Pekinger Kultur- und Angestelltenkreisen gilt der Auftritt als Muss. „Es ist ein Konzert, bei dem die Anwesenheit wichtiger ist als die Musik“, hatte eine Zeitung proklamiert, und zwar aus historischen Gründen.

          Im Takt der wogenden Massen

          Kosmopolitische Offenheit geht da eine eigenartige Mischung mit patriotischen Motiven ein: China hat einen solchen Stand erreicht, hieß es, dass nun auch die größte Legende der westlichen Popkultur zu uns kommt. Zu Dylans Hochzeiten machten die Eltern des heutigen Publikums gerade Kulturrevolution, und nur die wenigsten sind daher mit seinen Liedern vertraut. Fehlende Kenntnisse müssen dann notfalls rasch nachgeholt werden. Ein Mann googelte noch kurz vor Konzertbeginn auf seinem iPad, was dieser Bob Dylan eigentlich bis jetzt gemacht hatte.

          Ein unerschöpfliches Reservoir vieldeutiger Sätze: Bob Dylan akzentuierte gelegentlich überraschend deutlich
          Ein unerschöpfliches Reservoir vieldeutiger Sätze: Bob Dylan akzentuierte gelegentlich überraschend deutlich : Bild: AFP

          Jedenfalls wurde bald klar, dass dieser Abend nicht mit den gewohnten Maßstäben zu messen sein würde. Die Frau neben mir hatte einen bunten Leuchtstab mitgebracht, weil es in chinesischen Konzerten üblich ist, einen solchen im Takt der wogenden Massen zu schwenken. Doch nach zögerlichen ersten Versuchen, ihn zum Einsatz zu bringen, musste sie einsehen, dass sich im weiten Rund der Halle nur sehr wenige Leuchtstäbe verloren. Stattdessen leuchteten Hunderte kleine Bildschirme das ganze Konzert über in die Dunkelheit.

          Viele der in ihre engen Schalensitze eingeklemmten Besucher bewegten noch nicht einmal den Oberkörper im Rhythmus der Musik, aber sie guckten ununterbrochen durch eine Linse - ihres Handys oder ihrer Spiegelreflexkamera - auf die Bühne. Wenn bei diesem Abend etwas klar war, dann dies, dass er die Dokumentierung lohnen würde.

          Es musste wie eine Provokation wirken

          Dylan seinerseits, der es seit Jahrzehnten gewohnt ist, die ihm beigemessene historische Bedeutung im wahrsten Sinne des Wortes herunterzuspielen, ließ sich auch davon nicht beirren, dass bei diesem speziellen Publikum die Bedeutung ganz bei sich bleibt und wegen mangelnder Erfahrung gar keinen Inhalt hat. Er begann mit einem druckvollen „Gonna Change My Way of Thinking“, bei dem er mit seinem schwarzen Anzug und seinem weißen Hut an den Keyboards stand, während sein Schattenriss überlebensgroß auf die Rückwand projiziert wurde. Bei „It's All Over Now, Baby Blue“ griff er dann zur Gitarre, und immer wenn er später zu leicht tänzelndem Schritt auch noch in die Mundharmonika blies, erreichte der Szenenapplaus seine Höhepunkte.

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