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Bob Dylan : Der Mann, der immer besser wird

  • -Aktualisiert am

„Modern Times” ist Dylans 30. reguläres Album Bild:

Nach vier Jahrzehnten im Musikgeschäft veröffentlicht Bob Dylan ein sensationelles neues Album. Mit seiner notorisch verkrächzten Stimme singt er von der Sehnsucht der Liebenden, den moralischen Sackgassen der Zivilisation und den Plagen des Wandersmannes.

          Wer selbst schon in Bad Irgendwo oder Sankt Nimmerlein in der Konzerthalle gestanden und auf Bob Dylan gewartet hat, kennt das Gefühl. Diese vorsorglich tiefgeschraubte Erwartung, daß bei einem Dylan-Auftritt ja nichts Epochales mehr passieren kann. Weil alles schon irgendwann mal passiert ist. Weil der Sänger halt ein alter Mann geworden ist und fast täglich auf irgendeiner Bühne dieser Welt spielt. Und trotzdem fühlt es sich jedes Mal wieder an wie eine Ufolandung, wenn das Licht ausgeht und die Ansage kommt. Es ist seit Dezember 2002 bei jedem Dylan-Konzert wörtlich dieselbe.

          „Begrüßen Sie den Hofdichter des Rock 'n' Roll“, sagt der Ansager auf englisch, „die Stimme der Verheißung für die Gegenkultur der Sechziger, den Mann, der Folk und Rock miteinander verkuppelte. Der sich in den Siebzigern das Gesicht schminkte und im Drogennebel verschwand, der zurückkam und Jesus fand. Der in den Achtzigern schon abgeschrieben wurde, dann plötzlich den Vorwärtsgang einlegte und seit den späten Neunzigern einige der besten Platten seiner Karriere gemacht hat. Ladies and gentlemen - begrüßen Sie den Columbia-Records-Künstler Bob Dylan!“

          Es ist eine phänomenale Platte

          Knapper und absurder lassen sich vierzig Jahre Mythos nicht zusammenfassen. Alles wahr, alles auch irgendwie Quatsch. Der Text stammt aus einer Dylan-Rezension, die der Künstler angeblich selbst aus der „Buffalo News“ geschnippelt hat. Jetzt hat der 65jährige eine neue Platte gemacht, und weil seine letzte, „Love and Theft“, am 11. September 2001 erschienen ist, gibt es tatsächlich Fans, die zur Veröffentlichung von „Modern Times“ im Internet den Weltuntergang ankündigen. Höher können Erwartungen also kaum sein, und bevor man sich im Detail verliert, kann man es auch gleich so kurz machen wie der besagte „Buffalo News“-Autor: Es ist eine phänomenale Platte, auf der Dylan und seine Band mal wie eine elektrisch verstrahlte Bluesgruppe, mal wie eine Abschlußballkapelle aus den 50er Jahren klingen. Dylan singt mit seiner notorisch verkrächzten, tief resonanten Stimme von der Sehnsucht der Liebenden, den moralischen Sackgassen der Zivilisation und den Plagen des Wandersmannes, und all das oft in einer einzigen Strophe.

          Bei einem Konzert in New Orleans am 28. April 2006

          Was daran neu oder modern sein soll? Gegenfrage: Gab es in der Karriere des einflußreichsten, interessantesten, literarisch bedeutendsten Sängers der Popgeschichte denn jemals einen Punkt, an dem er wirklich neu und modern war, so wie eine Waschmaschine neu sein kann, ein frisch gedrucktes Telefonbuch oder Kylie Minogue? Ein Geist ist er noch nicht. Seine Platten verkaufen sich millionenfach, und gerade in den letzten Jahren hat Dylan so viele neue alte Sachen gemacht wie in seiner größten Zeit. Er gibt rund 150 Konzerte pro Jahr, auch in Schwäbisch-Gmünd und Gelsenkirchen, singt aber nicht unbedingt die Stücke des letzten Albums, sondern alles durcheinander, manchmal auch das zum Kinderschreckvolkslied gewordene „Blowin' in the Wind“.

          Seit Mai 2006 gastiert er beim amerikanischen Sender XM als launig plaudernder Radio-DJ. Er ist sogar in einem Werbespot für „Victoria's Secret“-Unterwäsche aufgetreten, in dem er sich mißmutig von einem Supermodel den Hut klauen ließ. 2004 hat Dylan den ersten Band seiner Autobiographie „Chronicles“ veröffentlicht, wobei das darin enthaltene Bekenntnis, daß er als junger Mann auf die Militärschule wollte, sein Werk nicht rückwirkend beschädigt hat. Letztes Jahr kam Martin Scorseses dreistündige Filmdokumentation „No Direction Home“ - unter Experten gilt es als Wunder, wie bereitwillig der Alte sich darin als historische Figur präsentiert, denn das hat er lange abgelehnt.

          Er galt als coolster Kater des Universums

          Die berühmte Konzertansage belegt, wie groß seine zynische Distanz zur eigenen Geschichte geblieben ist.
          Wenn man Dylan heute anschaut, den knittrigen, ehrwürdigen Herrn im Kostüm des Südstaatenschwerenöters, muß man ihn kurz mit Bildern von früher vergleichen. Dylan 1964, als politischer Folksänger auf dem Cover seiner Platte „The Times They are A-Changin'“: der sorgenvoll ernste Arbeiter. Dylan 1965, als er mit seinem Revolutionshit „Like a Rolling Stone“ im Radio war und als coolster Kater des Universums galt: ein riesiger Beatnikschopf mit Sonnenbrille auf Storchenbeinen. Schon auf diesen Bildern, auf denen er Mitte Zwanzig ist, sieht er alt aus. Ein Berufsunjugendlicher im Reich der Popkultur, wo gewöhnlich alle jung und potent sein müssen.

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