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Bob Dylan : Der Mann, der immer besser wird

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So wie damals stammt auch die Musik von „Modern Times“ - dem insgesamt 30. regulären Album - zum größten Teil aus alten Quellen, aus der Zeit, bevor Elvis die Musik Amerikas für immer entjungferte. Das Poltern, das Dylans Platten aus den Sechzigern so romantisch macht, hat sich freilich überholt: Heute rattert sein Blues wie eine S-Bahn. Der Country-Walzer „When the Deal Goes Down“ und der Salontanzschlager „Beyond the Horizon“ erinnern an Jahre, an die sich keiner mehr erinnert, und das über acht Minuten lange Schlußstück „Ain't Talkin'“ ist ein gruselig hämmernder Beerdigungsmarsch. Aber es ist natürlich die Stimme, aus der die Platte ihre Kraft bezieht - die murrende, altersweise, fatalistische Stimme, die alles übertönt, damit man jedes Wort verstehen kann. Wer Dylans Stimme unangenehm findet, und das sind nicht wenige, wird „Modern Times“ keine Minute lang ertragen, und genau so will er das.

Im süß klingenden Liebeslied „Spirit on the Water“ singt er die besten, dunkelsten Zeilen der Platte: Gern wäre er mit der Angebeteten im Paradies, aber es gäbe da ein Problem - ins Paradies könne er nie mehr zurück, weil er dort jemanden umgebracht habe. In nur vier Atemzügen kommt er von den Blüten der Blues-Liebeslyrik zur ewigen Verdammnis, erklärt sich zum mörderischen Kain aus dem Alten Testament, der beim Wandern die schwere Erbsünde im Rucksack hat.

Dylan ist noch da, aber er muß weiterwandern

So erzählt Bob Dylan von den modernen Zeiten. Mit archaischen Bildern, die ruhelose Menschen im Angesicht einer nicht näher definierten Katastrophe zeigen, im verzweifelten, trotzdem hoffnungsvollen Kampf um Liebe und Vergebung. Er singt vom Arbeiter, der sich einen scharfen Anzug leisten kann, weil er ansonsten mit Reis und Bohnen auskommt, und es könnte natürlich sein, daß er die Globalisierung meint. Er singt von einer großen Überschwemmung, aber nicht von New Orleans. Alle diese Metaphern und Motive sind so alt und neu wie Dylan selbst: so alt und konservativ wie die Blues- und Folksongs, die er schon als 20jähriger gesungen hat und bis heute in seinen Liedern zitiert, teilweise wörtlich. So neu, weil Dylans monumentale Stimme sie heute singt. Und weil die Welt sich nicht grundlegend geändert hat.

Als Dylan im Februar 1991 von Jack Nicholson den Grammy für sein Lebenswerk überreicht bekam, hielt er eine kurze Ansprache, in der das Wort „danke“ übrigens nicht vorkam. Sein Vater habe ihm einen Rat gegeben, muffelte er ins Mikrophon: Gott gebe den Menschen auch dann nicht verloren, wenn die eigenen Eltern ihn verstoßen hätten. Ein bibelfester Fan fand später heraus, daß die rätselhafte Rede ein wörtliches Zitat aus dem 27. Psalm war. Zur Preisverleihung hatte Dylan - mitten im ersten Golfkrieg - „Masters of War“ gespielt, sein damals knapp dreißig Jahre altes Haßlied über Kriegsgewinnler in der US-Industrie. Natürlich hat er abgestritten, daß das Absicht war.

Es wäre auch ein Riesenaufwand, in „Modern Times“ etwas konkret Politisches hineinzuinterpretieren. Aber es wird schon etwas zu bedeuten haben, wenn Dylan im Jahr 2006 eine solche Platte macht. Eine Platte, die in so finsteren Bildern von der moralischen Verantwortung des Menschen erzählt - genau die Moral, auf die ein amerikanischer Präsident sich berufen muß. Eine Platte, die den Unterschied zwischen alter und neuer Zeit verwischt. Obwohl die Regierung den Leuten klarmachen muß, daß wir in einem historisch einzigartigen Moment leben. Weil es sonst keinen Grund gäbe, ihnen die in den Sechzigern erstrittenen Bürgerrechte wieder zu kürzen.
Das letzte Lied auf „Modern Times“ endet damit, daß der getriebene Wanderer in den Garten Eden zurückfindet. Große Enttäuschung: Der Gärtner ist verschwunden. Dylan ist noch da, aber er muß weiterwandern.

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