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Black Sabbath in Dortmund : Schneeblind im Fegefeuer

Black Sabbath, eine der ersten, besten und erfolgreichsten Heavy-Metal-Bands, haben in Dortmund vor alten Haudegen und halben Kindern gespielt. Ein Auftritt, der ihrer furiosen Comeback-Platte „13“ würdig war.

          Bald kommt der liebe Nikolaus, aber vorher schickt der Satan seine besten Kobolde in die Dortmunder Westfalenhalle, damit sie einen Rabatz machen, den man auch nach der nächsten Rentenkürzung nicht wird vergessen können.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ergebnis: ein erfüllter, in kleine hysterische Splitter zersägter, von vergleichsimmunen Krachzehnkämpfern windelweich gekloppter Abend.

          Black Sabbath sind in der Stadt und haben alles mitgebracht, was unartige Kinder freut: Feen in eisenbeschlagenen Stulpenstiefeln, epilepsieförderliche UFO-Strahler, Saiteninstrumente mit geweihten Bundstäbchen und glühendem Vibrato-Hebel, näselnde Anrufungen des Allerschlimmsten, tätowierte Gespenster an Fleischerhaken, hustende Sirenen, Powerchords und Shufflerhythmen samt Videoeinspielungen mit Al Pacino als Scarface und einem echten abgedankten Papst. Wer noch nie im Leben stattliche Motorradclubvorsitzende mit Wampen aus alkoholischer Lebenserfahrung sowie Bärten bis zur erzenen Gürtelschnalle dabei beobachtet hat, wie sie mit ihren gigantischen, totenkopfberingten Dschingis-Khan-Pratzen winzige, nagelneue Smartphones bedienen, um Momente zitternden Bühnenglücks festzuhalten, weiß nicht, was Rührung ist.

          Ozzy Osbourne, der Wechselbalg

          Black Sabbath gibt es seit mehr als vierzig Jahren. Die Euphorie, die sie am Samstag in Dortmund zur Höchstform getragen hat, verdankt sich dem hochverdienten kommerziellen Großerfolg ihres aktuellen Albums „13“.

          Gelöster – und zugleich konzentrierter – hat man diese Band in ihren wechselnden Besetzungen seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten nicht spielen gesehen.

          Selbst Ozzy Osbourne ist fast die ganzen zwei Stunden tadellos bei Stimme – der Mann wirkte vor zehn Jahren erheblich verlebter, angegriffener, fast schon von sich selbst besiegt. Nun aber, im Zeichen einer kleinen Wiederauferstehung, gibt er mit giftiger Anmut mal den aufgeräumten Conférencier, dann wieder den Kastellan der weitläufigen Ruine „Rock ’n’ Roll“, nur um schon im nächsten Moment wie Edgar Allan Poes „Hop-Frog“ auf und ab zu hopsen, als hätte er sie nicht alle. Zauberhaft.

          Dreiviertel von Black Sabbath: Sänger Ozzy Osbourne, Gitarrist Tony Iommi und Bassist Geezer Butler

          Geezer Butler, am Bass einer der großen drei für die Ewigkeit (neben Lemmy Kilmister und Phil Lynott), lässt seine rechte Hand in einer Geschwindigkeit heiße Flocken aus den Saiten reißen, mit der das Ohr kaum mitkommt.

          Tony Iommi, dessen angebliche oder reale Insuffizienzen auf der Bühne seit dem Freddie-Mercury-Gedächtnis-Auftritt vor zwanzig Jahren in allen einschlägigen Foren rauf und runter diskutiert wurden und der zuletzt mit einer schweren Krankheit gerungen hat, ist dem Augen- und Ohrenschein nach nicht nur wiederhergestellt, sondern wie vor Zeiten ein Künstler zum Anstaunen, der aus den tiefsten Quellen seines Könnens ein kleines Wunder nach dem andern zutage fördert und sich dabei zwischen Griffen, die sämtlich sitzen wie mit dem Löteisen fixiert, auch noch in aller Ruhe die schwarze Sonnenbrille zurechtrückt – cool geboren und dann auch noch Gitarrespielen gelernt, vielen Dank.

          „War Pigs“ zum Auftakt

          Der junge, schwarzbärtige und athletische Schlagzeuger, der diese drei auf ihrer Triumphtour begleitet, Tommy Clufetos, passt ins Gesamtbild: ein sprühender Platzregen aus lauter Hand- und Fußgranaten, dessen imposantes Solo nach „Fairies Wear Boots“ ruhig auch eine halbe Stunde hätte dauern dürfen, ohne dass die Hingabe der geprügelten Menge erschlafft wäre.

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